Ein Dutzend Fragen an ALFRED WALLON
Alfred Wallon [aw] (geb. 1957) - als Verfasser zahlreicher Taschenbücher,
Hardcover und Romanhefte bekannt - hat sich dankenswerterweise bereit
erklärt, ein paar Fragen von Dr. Karl Jürgen Roth [kjr] zu beantworten.
Das Exklusiv-Interview für PoMeWe wurde am 8. März 2023 geführt.
KJR: Ich habe
zahlreiche Ihrer Romane mit Interesse und Gewinn gelesen. Dabei
entstand für mich die eine oder andere Frage. Der Schwerpunkt Ihrer
schriftstellerischen Arbeit liegt im Bereich der unterhaltenden
Belletristik und dabei insbesondere im Bereich des Western. Wie sind
Sie zum Schreiben gekommen und warum schreiben Sie Wildwestromane?
Erzählen doch bitte etwas über Ihren schriftstellerischen
Werdegang?
AW: Ich habe schon
immer gern gelesen. Und zwar das, was es bei uns im Hause gab. Das
waren in erster Linie die Westernromane meines Vaters. Er sagte zwar
immer, ich solle das doch lassen und lieber ein gutes Buch lesen.
Aber leider ist daraus nichts geworden. Ich wartete, bis er seinen
Schichtdienst antrat und habe mir dann mal ein Bild von seinen
Romanbeständen gemacht. Da war ich gerade mal 12 Jahre alt.
Irgendwann habe ich
beim Lesen wissen wollen, ob das denn auch alles historisch stimmt.
Und so beschäftigte ich mich mit der amerikanischen
Pioniergeschichte. Damals war das noch sehr schwer, an entsprechende
Bücher zu kommen. Geschrieben habe ich schon zu Schulzeiten. Damals
entstanden etliche kurze Romane auf einer alten
Olivetti-Reiseschreibmaschine, die bis heute nirgendwo veröffentlicht
worden sind. Irgendwann muss ich mir das aber mal vornehmen.
1980 hatte ich
genügend Wissen angesammelt, um dann einfach mal einen Versuch zu
wagen, einen Roman zu schreiben und diesen den damals gängigen
Heftromanverlagen anzubieten. Ich wusste nichts, aber auch gar nichts
von der Verlagsbranche und dachte einfach, dass das, was ich da
geschrieben habe, gut ist. Die Ernüchterung folgte kurz darauf. Es
gab Absagen, und erst gegen Ende 1981hatte ich Glück beim
Kelter-Verlag in Hamburg, und das auch nur, weil der damals
zuständige Lektor historische Romane mochte. Deshalb war ich zur
richtigen Zeit an der richtigen Stelle, wenn man so will.
Es folgten Trucker-
und Abenteuer-Romane, Horror, SF & Fantasy, Krimi und Abenteuer
und eine nicht unerhebliche Anzahl von Liebes- und Heimatromanen. Dem
Heftromangenre blieb ich treu bis 2007 – danach schrieb ich nur
noch Taschenbücher, Hardcover und ebooks.
KJR: Neben
Western haben Sie so manche abenteuerliche Geschichte geschrieben,
die anderen Genres der unterhaltenden Literatur zuzuordnen ist.
Welche Schwerpunkte setzen Sie hier und wie sehen Ihre weiteren Pläne
für phantastische abenteuerliche Geschichten oder regionale Krimis
aus? Sind hier
Überraschungen zu erwarten?
AW. Da gibt es noch
so einiges, was ich in Angriff nehmen muss. Ich habe vor einigen
Jahren zwei Piratenromane geschrieben, der dritte Teil steht noch
aus, damit das abgeschlossen werden kann. aber bis jetzt fehlte mir
die Zeit dazu. Als ich noch in Hessen lebte, schrieb ich einen
Regionalkrimi, der in Marburg spielt. Seit ich im Januar 2014 nach
Augsburg gekommen bin, wo ich nun seit 9 Jahren lebe und arbeite,
sind 4 Augsburg-Krimis erschienen. Ein fünfter ist in Planung für
2024. Auch mache ich mir Gedanken über eine Fortsetzung meines
Romans „Salzburger Albträume“. Die Idee dazu entstand während
eines Tagesausfluges in diese wunderschöne Stadt. Und so ein oder
zwei weitere Ideen warten auf Umsetzung.
KJR: Western, oft
als ‚historische Western‘ bezeichnet, bilden einen Schwerpunkt
Ihrer Arbeit. In jüngerer Zeit schreiben Sie häufiger Romane, deren
Handlung mehr oder weniger lose miteinander verbunden ist. Ich denke
hier an die Texas Ranger-Serie oder auch an die Fortsetzungen des
Lobo-Kosmos. bzw. die abschließenden Geschichten von Roncos
Tagebuch. Wo sehen Sie die Vorteile eines solchen Handlungskonzepts
und was hat Sie dazu getrieben, ein so umfangreiches Projekt wie die
Texas-Ranger-Serie in Angriff zu nehmen?
AW. Die Fortsetzung
bzw. das Beenden der RONCO-Tagebücher wurden von Dietmar Kuegler und
dem BLITZ-Verlag ins Rollen gebracht, und ich war derjenige, den man
damit beauftragte. Was für mich eine große Ehre war. Bevor ich das
Konzept zu TEXAS RANGER formulierte, schrieb ich eine achtbändige
Reihe namens DIE FORTS AM BOZEMAN TRAIL. Da der geschichtliche
Hintergrund aber nur wenige Jahre Spielraum bot, war es klar, dass
diese Reihe nicht endlos laufen kann. Bei TEXAS RANGER ist das
anders. Diese legendäre Polizeitruppe blickt auf eine 200 jährige
Geschichte zurück. Davon habe ich gerade mal zwei Jahre in 10 Bänden
abgehandelt. Es gibt somit noch sehr viel zu tun.
KJR: Die eben
erwähnten Geschichten um Ronco wurden ursprünglich vom kürzlich
leider viel zu früh verstorbenen Dietmar Kügler konzipiert und
ausfabuliert. Wie sind Sie dazu gekommen, Ihren vierbändigen
Abschluss zu Ronco zu schreiben und wo liegen Ihre Vorbilder im
Bereich des Western?
AW: Dietmar Kuegler
stellte mir einige Exposés der damaligen Heftromanserie zur
Verfügung, aus denen ich entnehmen konnte, welche Handlungsfäden
noch offen waren. Er ließ mir dabei völlig freie Hand. Es sollte
allerdings keine endlose Fortsetzung werden, sondern wir einigten uns
auf vier Romane. Die habe ich geschrieben, und es war gar nicht so
einfach, das alles zu einem schlüssigen Ende zu bringen. Aber nach
Erscheinen der ersten beiden Bände bestätigen mit etliche Leser,
das mir das wohl gelungen ist.
Meine Vorbilder sind
im deutschsprachigen Raum Dietmar Kuegler, Werner J. Egli und Peter
Dubina. Von den amerikanischen Autoren sind es Terry C. Johnston,
Elmer Kelton, Jory Sherman und William W. Johnstone.
KJR: Der
traditionelle Western wird von Literaturwissenschaftlern auch als
eine spezielle Manifestation des amerikanischen Gründungsmythos
gesehen (z.B. Peter Bischoff), Ähnliches klingt auch schon bei
Frederick Jackson Turner in seiner – inzwischen teils als überholt
geltenden Konzeption der Frontier-Hypothese an. Wie stehen Sie zu
solchen Äußerungen?
AW: Ich bin kein
Literaturwissenschaftler und kenne deren Sicht der Dinge nicht.
Frederick Jackson Turner ist ein Name, der mir nicht vertraut ist.
Peter Bischoff kannte ich persönlich und erinnere mich noch sehr gut
an sein Engagement für das Western-Genre. Ich betrachte den Western
als Spannungs- und Unterhaltungsliteratur, der aber auch viele
historische Fakten und Ereignisse vermitteln soll.
KJR: Neben
traditionellen Western finden wir auf dem Markt Western, die vor dem
Hintergrund der heutigen Gegenwart angesiedelt sind, Western mit
Horrorelementen, Adult Western oder Southern (Western, die südlich
des Rio Grande spielen), Northern (Handlungsorte: Kanada und Alaska)
und selbst in Australien spielende Western. Was halten Sie von
solchen Randerscheinungen des Genres und schreiben Sie selbst so
etwas?
AW: Adult Western
sind für mich Romane, mit denen ich nichts anfangen kann. Sie mögen
ihre Berechtigung auf dem Markt haben, weil sie sich offensichtlich
verkaufen, aber ich gehöre nicht zu der Zielgruppe. Zu Australien
habe ich durch den 2003 verstorbenen Countrysänger Slim Dusty eine
persönliche Beziehung, wenn man so will. Und die Idee, einen Down
Under-Western zu schreiben, befindet sich bereits irgendwo in meinem
Kopf.
KJR: Immer wieder
wird z.B. im Internet oder an anderer Stelle eine Krise des Western
bzw. ein fehlendes Publikumsinteresse beklagt. Wie schätzen Sie die
derzeitige Marktlage ein, und welche Ratschläge würden Sie
einer/einem jungen Kollegin/Kollegen geben, der sich dem Schreiben
von Western widmen möchte?
AW: Ich sehe kein
fehlendes Publikumsinteresse, sondern ein mangelndes Fachwissen der
Entscheider in großen Publikumsverlagen, die meist einer jüngeren
Generation entstammen und – vorsichtig formuliert – über dieses
Genre nicht viel oder gar nichts wissen. Es wird ja noch nicht einmal
der Versuch unternommen, etwas in dieser Richtung zu unternehmen. Da
sind kleinere Verlage weitaus flexibler und schneller.
Es heißt, dass ein
Westernautor auch Krimis und Fantasy schreiben kann, aber ein
Fantasy-Autor nur schwer oder gar nicht einen Western zu schreiben
vermag. Ich habe über 50 Jahre lang Western gelesen und mich damit
beschäftigt. So was kann man nicht von heute auf morgen lernen oder
gar beherrschen, erst recht nicht, wenn es um historische Western
geht. Da bedarf es eines sehr langen Lernprozesses.
KJR: Ihre Western
erscheinen zumeist als limitierte Taschenbücher und Ebooks, teils
auch in Hardcoverausgaben und früher als Romanhefte. Für Sammler
sind Ebooks einfach nur katastrophal, man erwirbt bloß ein
Nutzungsrecht und darf diese Dateien nicht besitzen und erst recht
nicht weiterverkaufen. Dieser unhaltbare Zustand sollte m. E.
Schnellstens beendet werden. Liebevoll gemachte Paperbacks oder
Hardcover sind hier etwas ganz anderes. Das bringt mich zum Thema der
Veröffentlichungsformen. Wo sehen Sie hier die besten Chancen?
Welche Veröffentlichungsformen bevorzugen Sie?
AW: Dem widerspreche
ich. Ebooks haben ihre Berechtigung, und die Verkaufszahlen sprechen
eine eindeutige Sprache, Man darf sich als Autor dieser Entwicklung
nicht widersetzen, sonst ignoriert man einen Trend. Ich bin offen für
beides – eBook und Print, und ich lese auch beides. Ich habe aber
aus Platzgründen irgendwann nur noch die Alternative, eBooks zu
lesen. Ich kaufe aber auch weiterhin Printausgaben. Die Mischung
macht es, denke ich.
KJR: Dass Ebooks
ihre Berechtigung haben, bestreite ich überhaupt nicht – sie sind
für mich leider nur nicht sammelnswert. - Stichwort
Übersetzungen. Einige Ihrer Titel sind auch in englischer Sprache
erschienen, von englischen Autoren. wie Ben Bridges, sind
Übersetzungen ins Deutsche angekündigt. Sehen Sie gute Chance für
solche Übertragungen? Hierbei würde mich vor allem der Aspekt
‚deutschsprachige Originale in englischsprachiger Fassung‘
interessieren.
AW: Ich versuche, zu
testen, inwieweit englische Übersetzungen eines deutschen Autors in
englischsprachigen Ländern eine Chance haben. Dieser Prozess ist
noch lange nicht abgeschlossen. Man braucht aber vermutlich einen
Repräsentanten vor Ort in den USA, der entsprechende Werbung
betreibt. Nicht alles ist vom Schreibtisch aus machbar.
Ich besitze keine
Glaskugel und kann auch die Zukunft nicht voraussagen, was eine
Chance hat und was eben nicht. Das weiß man immer erst hinterher.
Aber wer nichts wagt, gewinnt auch nichts.
KJR: Alfred Wallon
hat im Lauf der Jahre so manches Pseudonym genutzt. Können Sie uns
einige nennen und warum und wann haben Sie überhaupt Decknamen
benutzt?
AW: Das waren Al
Wallon, Chuck Malone, Glenn Forster, Mandy Martin, Liesel Lechner,
Claudine Wallon, Clint Morgan, Juan Cortez, T.C. Taylor, Alfred
Wallner, Claudine Wallon, Isabelle Wallon, Christa Moosleitner –
und wahrscheinlich noch einige mehr, die ich jetzt nicht mehr parat
habe. Die Wahl von Pseudonymen bei Heftromanen ist meistens ein Muss,
weil das der Verlag wünscht. Heute schreibe ich nur noch unter
meinem richtigen Namen.
KJR: Wie lebt ein
Autor unterhaltender Belletristik? Ein wenig Homestory interessiert
immer.
AW: Ich schreibe
nicht hauptberuflich. Alle Romane, die ich jemals veröffentlicht
habe, sind nach Feierabend, am Wochenende oder im Urlaub entstanden.
Hauptberuflich bin ich Mediaberater im Außendienst für einen
Zeitungsverlag. Meine Zeit ist somit mehr als ausgefüllt. Ich lebe
in Augsburg und habe den Umzug von Hessen hierher niemals bereut. Für
mich war es die richtige Entscheidung.
KJR: Welche
Wünsche haben Sie für die Zukunft – privat und als Autor?
AW: Privat habe ich
aus persönlichen Gründen keine Wünsche mehr. Ich habe Schönes mit
meiner Lebensgefährtin Vanessa Busse erlebt, wegen der ich nach
Augsburg kam und die 2017 im Alter von nur 37 Jahren an einer
heimtückischen Krankheit viel zu früh verstarb. Sie war selbst als
Autorin tätig, und ich bewundere immer noch ihre Ideen, die sie
zielstrebig umsetzte und damit auch Erfolg hatte.
Als Autor habe ich
noch viele Ideen, die umgesetzt werden müssten. Demzufolge müsste
ich 120 Jahre alt werden, um das alles noch zu schaffen. Realistisch
gesehen, werde ich das wohl nicht mehr hinbekommen. Also konzentriere
ich mich auf das, was in der mir noch verbleibenden Zeit möglich
ist. Ob das klappt – wer weiß?
Ich danke für
die bereitwillige Beantwortung meiner teils indiskreten Fragen! | | |