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Donnerstag, 26. März 2020

Leihbüchereien in der DDR


Leihbüchereien in der SBZ und in der DDR


(c) Sammlung J.Kestner, www.bibliotheksausweis.npage.de
Herbert Kalbitz schickte mir die 1947 ausgefüllte Ausleihkarte einer kommerziellen Leihbücherei aus Annaburg. Das interessante Zeitdokument belegt zweierlei:
  • Es gab schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet der späteren DDR wieder oder noch immer kommerzielle Leihbüchereien.
  • Der Vordruck der Leihkarte könnte aufgrund der benutzten Schrifttype eventuell schon vor dem Zweiten Weltkrieg gedruckt worden sein. Dazu passt allerdings der Straßenname 'Ernst Thälmannstr.' nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass während der Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft eine Straße nach dem kommunistischen Politiker benannt wurde. Die Währungseinheit Rm (Rentenmark, vulgo Reichsmark) war vor der Währungsreform in Ost- und Westdeutschland nach wie vor das gültige Zahlungsmittel.

Private Leihbücherei in Altenburg (Thüringen) - um 1960
Klaus Lechelmayer hat sich kürzlich mit jemandem aus Thüringen über Leihbüchereien unterhalten und mit ihm über das Thema korrespondiert. Diese interessanten Informationen seien hier unkommentiert wiedergegeben. Bezüglich des Buchbestands der Leihbüchereien in der DDR muss angemerkt werden: Ein Problem dieser Leihbüchereien dürfte gewesen sein, dass die typischen Leihbuchverlage nicht in die DDR ausgeliefert haben und ihre Produkte dort auch nicht erwünscht waren. Von den unten erwähnten 'Klassikern' dürfte es noch genügend ältere Ausgaben gegeben haben, die - eine gute Pflege vorausgesetzt - auch noch verleihbar waren.
"Private Leihbibliotheken gab es im Osten Deutschlands so bis 1960. Bei uns zwei Stück, eine sogar in unserer Straße. Da mußte ich immer die Bücher zurückbringen, welche die Mutter ausgeliehen hat, z.B. L. Ganghofer und so. 
Dort gab es sogar noch Autoren, welche im Osten dann schon verpönt waren, wie eben der Ganghofer, oder auch Karl May oder Robert Kraft und Sir John Retcliffe. Ein Ausleihvorgang kostete 20 Pfennige, max. für 3 Bücher. das war viel Geld, wenn man bedenkt, daß z.B. ein kleines Glas Bier 5 Pfennige gekostet hatte und ein kleines Brot 30 Pfg.
Ab Ende der 50-iger Jahre gab es dann die Staatlichen Bibliotheken für Kinder und Jugendliche und dann auch für die erwachsenen Leser. Toll war hier, daß die Sache nichts kostete, unbegrenzte Ausleihmöglichkeit bestand – und das Sortiment sehr breit gefächert war, besonders auch im Kinder- und Jugendbereich.
Zusätzlich hatte jeder Betrieb eine eigene Betriebsbücherei und jede Gemeinde auch noch die Gemeindebibliothek, jede Schule eine Schulbibliothek. Also Lesemöglichkeiten ohne Ende, wer eben wollte. Toll war auch: Jede Woche fuhr ein großer Bus über das Land, eine “rollende Bibliothek” in die abgelegenen Dörfer.
Sicher habe ich jetzt über die vielen Jahre schon einiges vergessen, aber eine Erinnerung habe ich noch: Mein erstes ausgeliehenes Jugendbuch war der “Marinedolch” von Rybakow. Der zweite Teil hieß dann “Der Bronzeadler”. Und das erste Kinderbuch: “Fram, der Eisbär”. Ein kleines Büchlein aus dem damaligen “Trompeter-Verlag”.  
1991 (Umsturz) wurden die ganzen Bücher weggeschmissen, sämtliche Bibliotheken geschlossen. Einige Bücher konnte man retten, ich z.B. die ganzen Bände “Die Söhne der großen Bärin” von der Welskopf-Henrich. Herrliche Indianerbücher. Die lagen auf dem Marktplatz rum in einem großen Haufen. Das hat einfach nur weh getan, als ich dort rumwühlte. Bald wie früher die Bücherverbrennung, so ein riesiger Buchhaufen. Eine Schande war das.
Dafür haben wir jetzt Konsalik und Co. ohne Ende. War schon alles traurig, was damals so ablief."
Den schwierigen Umgang mit Leihbüchereien in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und später
in der DDR dokumentiert ein Aufkleber, den Herbert Kalbitz in einem alten Leihbuch gefunden hat.
1946, in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und noch vor der Gründung der DDR hat das Volksbildungsamt (hier ein Nachweis aus Halle/Saale) mit einer Kampagne die Leser von Leihbüchern aufgefordert, „unerwünschte Textstellen“ ausfindig zumachen und dem Leiter der Leihbücherei zu melden.











Eine Studie zum Thema LEIHBÜCHEREIEN IN MITTELDEUTSCHLAND 1945-1958 hat Dietrich Löffler 2016 veröffentlicht. Sie ist erfreulicherweise kostenlos als PDF-Datei zugänglich. (http://digital.bibliothek.uni-halle.de/pe/content/titleinfo/2502218)

Stempel von Dettmers Leihbücherei in Halle





Ich danke Herbert Kalbitz, Jens Kestner und Klaus Lechelmayer für Scans und Informationen.

Freitag, 5. März 2010

"Historisch-romantisches Futter" für die Leihbibliotheken um 1800



Unter dem schönen Titel "Almarich Herzog von Siebenbürgen oder der Wald bey Hermannstadt" erschien 1808 in Pest [Budapest] bei K.A. Hartleben "Eine historisch-romantische Geschichte". Das Bändchen (Format 12 x 17 cm) hatte einen Umfang von 142 Seiten und war mit einem ganz netten Titelkupfer von Blaschke versehen.

Ähnlich sahen damals - als Napoleons Herrschaft weite Landstriche Europas kontrollierte - viele Bücher für die beliebten Leihbibliotheken der Zeit aus. 'Historisch-romantische' Geschichten hatten Konjunktur - schon bevor Walter Scott mit seinen umfangreichen Romanen das Genre umkrempelte - und eine Vielzahl von mehr oder weniger bedeutenden Autoren schuf Hunderte solcher Titel. Leihbibliotheken, vor allem grössere Institutionen, waren häufig durchaus respektable Betriebe mit grossem sorgfältig zusammengestelltem Buchbestand und repräsentativen Geschäftsräumen. Daneben gab es allerdings auch  kleinere 'Winkelbibliotheken', wie sie für spätere Jahre z.B. Karl May in seinen Erinnerungen beschreiben. Hier beherrschten sensationell geschriebene Geschichten den Buchbestand, hinzu kamen oftmals weitere, teils schon ziemlich zerfledderte Bände, die von grösseren Bibliotheken ausgesondert worden waren.

Zurück zum oben gezeigten Bändchen: Der Verfasser bleibt ungenannt. Der Verlag von K.A. Hartleben gehört dagegen noch heute - zumindest bei Bibliophilen zu den bekannteren Verlagen der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, nicht zuletzt durch die in späteren Jahrzehnten veröffentlichten prächtigen Ausgaben von Jules Verne.

In den "Annalen der Literatur und Kunst des In- und Auslandes, Jg. 1810, Band 1" (Wien 1810) hieß es in einer zeitgenössischen Buchbesprechung:

"In Hn Hartlebens Buchhandlung in Pesth erscheinen seit ein paar Jahren häufig deutsche und ungrische Romane. Leider sind sie nur für Leser berechnet, die an einen Romanenschreiber keine hohen Ansprüche zu machen wissen und sich daher mit jedem Roman aus Leihbibliotheken begnügen, wenn er ihnen nur einigermassen in leeren Stunden Unterhaltung gewährt und die Langeweile tödten hilft. Dieß gilt auch von den vorliegenden Romanen. [...] Almarich ist ein Roman von gewöhnlichem Schlage, der sich von Lesern, die Übertreibungen und,Verletzungen der romantischen Wahrscheinlichkeit nicht achten, ziemlich gut lesen läßt. Der Inhalt ist den meisten Lesern der Annalen aus dem Schauspiel der Madame Weissenthurm in Wien: 'der Wald bey Hermannstadt' bekannt. [...]
Uebrigens kann Rec. nicht ins Detail gehen, weil er nicht vergeblich Zeit tödten will und weil er den Raum in den Annalen schonen muß.
Beyde Kupfer von Blaschke sind schön, aber das bey Almarich ist mit mehr Fleiß gearbeitet [...].  Der Verleger dieser Romane hat für guten Druck und überhaupt für ein gefälliges Aeussere gesorgt." (S. 54 f.)