Freitag, 18. Juli 2014

Max Brand


  Tales of the Wild West
Max Brand und seine Kurzgeschichten


Max Brand gehörte zu den Klassikern des amerikanischen Western. Es freut mich daher besonders hier einen ausführlichen, emotionalen Beitrag von Elisabeth Wänke bringen zu können, in dem Brands Kurzgeschichten im Mittelpunkt stehen. Der Beitrag wurde ursprünglich als Rezension zu Tales of the Wild West geschrieben, geht aber m.E. über den normalen Umfang einer Buchbesprechung hinaus und bietet gleichfalls eine Einführung in Werk und Leben von Max Brand. Er wird daher hier im Bereich der Artikel eingestellt! - Vielen Dank an Elisabeth Wänke, die mir freundlicherweise erlaubt hat, den Artikel auf "WILDWESTER - Home of the Western" zu veröffentlichen. (Old Reddy)

Tales of the Wild West

Elisabeth Wänke

Frederick Schiller Faust (1892-1944), bekannt unter dem Pseudonym Max Brand, war ein äußerst vielseitiger und produktiver Schriftsteller. Von ihm sind bis jetzt allein an die 200 Westernromane in Buchform erschienen, die vorher in den 20er und 30er-Jahren in den pulp magazines [1 - Texte zu den Fussnoten am Ende des Beitrages] meist als sechsteilige Fortsetzungsromane oder als inhaltlich zusammenhängende, aber in sich abgeschlossene novelettes (10000 -35000 Wörter) veröffentlicht wurden. Daneben existieren aber noch unzählige kürzere und längere Geschichten, die nach ihrer Veröffentlichung in den pulp oder slick paper magazines nie in Buchform erschienen.
Nur einige wenige wurden in Anthologien aufgenommen, davon die bekannteste Wine on the Desert (1936). Lange Zeit gab es keine einzige Anthologie von Fausts Western Stories. Erst William F. Nolan änderte diesen Mißstand, indem er 1981 den ersten Band von Max Brand´s Best Western Stories herausgab, denen 1985 und 1987 noch je ein Band folgte. (Nolan besitzt eine komplette Sammlung von Faust Erstausgaben. Mit über 50 Artikeln in Zeitungen und Magazinen über Faust ist er wahrscheinlich der beste Faust-Kenner überhaupt und außerdem selbst ein erfolgreicher Schriftsteller. Sein wohl bekanntester Roman Logan´s Run wurde auch verfilmt; deutscher Titel: Flucht ins 23. Jahrhundert.) Für diese drei Bände hat Nolan aus der Unmenge von Material außergewöhnliche Western Stories herausgesucht, die die große Bandbreite von Fausts Western belegen. Leider sind inzwischen diese drei Bände vergriffen.

Doch mit der Auswahl der Geschichten für Tales of the Wild West [2] ist Nolan ein würdiger Nachfolgeband gelungen. Die sieben Geschichten sind von ihrer Thematik sehr verschieden und dokumentieren Fausts Erzähltalent in all seinen Facetten. Hier finden wir nicht nur dynamische Handlung und eine Vorliebe für den Zweikampf, sondern auch eine außergewöhnlich poetische Bildsprache und Fausts Sinn für Humor.



Faust wuchs in Mittelkalifornien auf, zog nach dem Studium nach New York, lebte über zehn Jahre in Italien, bevor er nach Kalifornien zurückkehrte. Die Tatsache, daß er viele Western in seiner Villa in Florenz schrieb, weitab vom geographischen Westen, trug ihm den Vorwurf ein, daß er den wirklichen Westen überhaupt nicht kenne. Dies widerlegt Nolan an mehreren Beispielen im Vorwort zu dieser Anthologie. "Faust knew the West in all aspects, and, if he chose to write of it mainly on a mythic scale, this was his deliberate choice, a choice that set him apart from the bulk of Western fictioneers and lent individual distinction to his work." (xi) Außerdem führt Nolan in jede Geschichte ein mit Angaben über Veröffentlichung, Inhalt und Bedeutung, wovon ich aber im Folgenden so wenig wie möglich übernehmen möchte.

The Laughter of Slim Malone (1919) fällt in den Anfang von Fausts professioneller Schriftstellerlaufbahn, die 1917 begann. Diese Geschichte weicht von der üblichen Schwarz-Weiß-Malerei der pulp western ab, wo auf der einen Seite der letztlich immer siegreiche Held für Ordnung und Gerechtigkeit kämpft gegenüber den Schurken auf der anderen Seite, die ihre Untaten mit dem Leben bezahlen müssen. (Auch Dan Barry aus The Untamed (1918), Fausts erster großer Erfolg, ist ein schillernder Charakter und eher untypisch für das Genre.) Dies legt den Schluß nahe, daß seine später oft makellosen Superhelden und edelmütigen Räuber nach Art des Robin Hood nicht unbedingt einem Bedürfnis nach derartigen Charakteren entsprachen, sondern daß er sich vielleicht den Wünschen seiner Leser und Herausgeber anpaßte, allen voran Frank Blackwell vom Western Story Magazine, dessen Hauptautor Faust für mehr als zehn Jahre war. Oft fanden sich in einem Heft mehrere Beiträge von Faust, allerdings unter verschiedenen Pseudonymen, darunter George Owen Baxter, Evan Evans, David Manning und Max Brand, natürlich ohne daß die Leser ahnten, daß sich hinter allen derselbe Autor verbarg. In The Laughter of Slim Malone verzichtet Faust jedenfalls auf Schwarz-Weiß-Malerei und stellt ohne moralische Wertung die Tatsachen fest.

Mit großer Regelmäßigkeit überfällt Slim Malone die Goldtransporte aus Appleton, verschont dabei aber Menschenleben und macht sich bei seinem letzten Überfall sogar die Mühe, zwei Verletzte zu verbinden. Nachdem verschiedene Aufgebote aus Appleton vergeblich versucht haben, Malone dingfest zu machen, stellt der neue Bürgermeister den gefürchteten Revolvermann Lefty Cornwall als Sheriff ein. (Diese Praxis, Männer mit zweifelhaftem Ruf als Ordnungshüter einzustellen, war im historischen Westen durchaus nicht unüblich.) Gleich bei der Ankunft des neuen Sheriffs läßt ihm Malone Folgendes ausrichten:

"Tell the new sheriff [...] that I´ve heard of him, and that I´ll organize a little party for him as soon as possible, so that we can get better acquainted. Tell him that the one thing he lacks to make him a good fighting man is a sense of humor."(10)

Daß es Faust nicht an Humor fehlt, zeigt sich nicht nur in der Figur des Slim Malone, sondern auch in der feinen Ironie im Ton dieser Erzählung. Manchmal habe ich das Gefühl, als ob Faust sich als Erzähler ein wenig selbst anpreist, so als ob er sagen will: "Ich weiß, das Ganze ist ein alter Hut, aber wartet ab, was ich daraus hervorzaubere." [3]

Fausts Spaß an der Figur des Slim Malone drückt sich auch dadurch aus, daß er ihn singen und Banjo spielen läßt. (Dabei habe ich unwillkürlich eine Szene aus dem Film Man without a Star vor Augen, in der Kirk Douglas dasselbe tut.) Slim Malone ist vermutlich der erste einer ganzen Reihe von singenden und Gitarre spielenden Faust-Protagonisten, von denen der bekannteste Speedy (1931) sein dürfte. Diese haben mit den singing cowboys aus den Filmen der 30er und 40er-Jahre kaum etwas gemeinsam, außer daß Malone wie Gene Autry ein weißes Pferd reitet. Oft haben diese Musikszenen, wie in The Laughter of Slim Malone, dramatische Funktion, d. h. sie sind ein wesentliches Element der Handlung, das sie vorantreibt, indem z.B. der Gefangene Happy Jack im gleichnamigen Roman (1930) durch seine improvisierten Lieder den Sheriff bloßstellt und seine Zuhörer dazu bringt, ihn aus dem Gefängnis zu befreien.

Die Tatsache, daß Faust zuweilen Gedichte in Form von Liedern in seine Geschichten schmuggelt (worauf er in The Laughter of Slim Malone allerdings noch verzichtet) drückt seine Liebe zur Poesie aus. Sehr schöne Beispiele dafür finden sich in seinem späten Western The Song of the Whip (1936). Doch während Fausts Erfolg als Schriftsteller stetig zunahm, blieb den meisten seiner Gedichte, an denen sein ganzes Herz hing und die er nach antiken Vorbildern gestaltete, der Erfolg versagt. (Den 89 Seiten langen Versepos Dionysus in Hades lies er schließlich auf eigene Kosten drucken.)

The Laughter of Slim Malone ist ein früher Beweis für Fausts außerordentliches Erzähltalent. Eine seiner Stärken ist gewöhnlich sein Gespür für mitreißende Anfänge. Auf den ersten Seiten ködert Faust geschickt das Interesse des Lesers und läßt ihn, sobald er den Köder geschluckt hat, nicht mehr von seiner Angel. In dieser frühen Geschichte allerdings kommt diese Stärke noch nicht zum Ausdruck. The Laughter of Slim Malone gewinnt erst in der zweiten Hälfte an Intensität, als der Leser in Lefty Cornwalls Gefühls- und Gedankenwelt eintaucht, und die Geschichte auf ihren Höhepunkt, die Konfrontation der beiden Gegner zusteuert. Dies führt aber nicht zu dem vielleicht erwarteten Ausbruch von Gewalt. Das Kräftemessen der beiden Protagonisten spielt sich vielmehr auf einer psychologischen Ebene ab, ist aber dadurch keineswegs weniger spannend und amüsant und endet mit einer überraschenden Wendung, einer Szene, die Faust, etwas abgewandelt, später noch öfter verwendet z. B. in Tragedy Trail (1928) und Rippon Rides Double (1930). [4]

Insgesamt gesehen ist The Laughter of Slim Malone eine erfrischende, unterhaltsame Geschichte - nicht moralisierend, sondern wertfrei in der Darstellung der Charaktere - die auch fast 80 Jahre nach ihrer Entstehung, nichts von ihrem Reiz verloren hat.

Ist die erste Geschichte eher ein Phantasiegebilde, so hat die zweite einen realen Hintergrund. In The Champion (1937) hat Faust seine Erfahrungen als Erntehelfer an der Heupresse verarbeitet. Seit dem 13. Lebensjahr Vollwaise, verdiente sich Faust seinen Lebensunterhalt durch Gelegenheitsarbeit und als Farm- und Ranchhelfer im San Joaquin Valley in Kalifornien. Die Mannschaft an der Heupresse leistete Schwerarbeit, oft 16 Stunden am Tag, unter brütender Hitze, und wurde nach Leistung bezahlt, mit einem maximalen Stundenlohn von 18 cents pro Mann. Dieses harte und oft brutale Leben, dem Faust einerseits zu entfliehen versuchte, erfüllte ihn andererseits mit einem gewissen Stolz, den Strapazen gewachsen zu sein, ein Stolz, der nicht nur in dieser Geschichte zum Ausdruck kommt und vergleichbar ist mit dem Stolz des Cowboys in seinen Berufsstand.

Vor diesem Hintergrund erzählt Faust die Geschichte der Freund-Feindschaft des Protagonisten Jumbo zu Frenchie, der ihm die Geliebte ausgespannt hat, und die Jumbo dadurch zurückgewinnen will, daß er den von Frenchie aufgestellten Arbeitsrekord an der Heupresse zu brechen versucht. Jumbo, ein wahrer Herkules und unermüdlich, wirkt zum Schluß wie ein angeschlagener Boxer, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann, der aber trotzdem nicht aufgibt. Diese mitreißende Geschichte, die ebenfalls mit einer überraschenden Wendung endet, spiegelt nicht nur die harten Bedingungen der damaligen Arbeitswelt, sondern auch den Mannschaftsgeist, der alle zusammenschweißt und der diese Leistungen möglich macht, ein Mannschaftsgeist, der nicht nur unter den Cowboys beim großen Herdentrieb zu finden ist. [5]

Master and Man (1924) fällt in die Zeit, in der Faust fast ausschließlich für Blackwells Western Story Magazine schrieb, doch für einen pulp western ist diese Geschichte in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich: "In the pulp world of the 1920s there were no black heroes," (46) schreibt Nolan in seiner Einführung.

In dieser novelette geht es um die aufopfernde Treue eines Schwarzen zu seinem gleichaltrigen jungen Herrn, der diese Treue eigentlich gar nicht verdient. Nicht nur der ähnliche Titel, auch die Thematik (Selbsterkenntnis, Reue und Umkehr) erinnern mich an Tolstois Novelle Herr und Knecht (1895). Im Gegensatz dazu endet Faust´s Geschichte nicht tragisch; sie besitzt aber die gleiche Dramatik. Schon der Beginn der Geschichte charakterisiert das Verhältnis des jungen Tom Farnsworth zu seinem schwarzen Diener Bobbie. Der alte Tom Farnsworth schickt Bobbie in die Kneipe, um seinen Sohn, der sein Geld vertrinkt und verspielt, nach Hause zu holen. Tom schlägt Bobbie daraufhin in aller Öffentlichkeit mit der Reitpeitsche. Doch Bobbie ist ihm weiterhin treu ergeben. Den Grund dafür erklärt Faust ausführlich, aber meiner Meinung nach nicht ganz überzeugend.

Sehr überzeugend gelingt ihm dagegen der Höhepunkt der Geschichte, der Wendepunkt, wo Tom in schonungsloser Selbsterkenntnis sein bisheriges, durch egoistisches Streben vergeudetes Leben nochmal vor sich ablaufen sieht.

And then shame, grief, the deepest remorse for what he had done, and what he had been, swept over him. He looked upon the thing that he had been yesterday with a sort of horror, as though these had been the doings of strangers, and unworthy strangers at that. (113)

Diese Gefühle schildert Faust mit einer Intensität, als ob er sie selbst erlebt hätte. In einer Rückblende beschreibt Faust die Jahre seines jungen Protagonisten an der Schule und Universität, und sie haben teilweise auffallende Ähnlichkeit mit Fausts eigenem Leben.

Young Tom grew into a slender fellow, with some wit, more sarcasm, and fists as free and ready as his tongue. (52)
He read everything, digesting it as fast as it was devoured by his eyes, and filing it away in a memory that could forget nothing[...] . Like most prodigies, young Tom soon promised to come to a no good end. He did not have to attend lectures in order to earn good marks[...] . His amusements were those of all prodigals, cards and drink, with other well known things in between. (53)

Obwohl Faust einer der besten Studenten Berkeleys war, wurde ihm sein Diplom verweigert. Grund dafür war sein unangepaßtes, rebellisches Verhalten, vor allem aber seine öffentliche Kritik am Präsidenten der Universität im Campus Magazin Pelican, dessen Herausgeber Faust war. Fausts Gefühle, als er sich bewußt wurde, welche Chance er so leichtfertig vertan hatte, müssen ähnlich gewesen sein, wie die des Protagonisten Tom.

Der eigentliche Held dieser Geschichte ist aber der Schwarze Bobbie, der trotz der schlechten Behandlung durch Tom immer zu ihm steht, ihm hilft, wo er nur kann, und so letztendlich zum Wandel von Tom beiträgt, so daß dieser schließlich einsieht: "But now every man was a man, no matter what his breeding or his manners." (115) [6]

Am Ende seiner Einführung stellt Nolan treffend fest: "Here, in this truly offbeat tale, Faust is far ahead of his time, revolutionary for the period[...] . an unconventional high-water mark in the fictional career of Max Brand." (46)

Lake Tyndal (1937) entstand zu einer Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung, als Faust kaum noch Western schrieb. In den Jahren der Weltwirtschaftskrise begann der pulp market mehr und mehr abzubröckeln, aber Faust gelang es mit großem Erfolg auch den slick market zu erobern. Das Schreiben für die Magazine auf Hochglanzpapier befriedigte ihn aber nicht, denn es erforderte mehr Wirklichkeitsnähe und er konnte nicht mehr mythische Geschichten mit übermenschlichen Charakteren aufs Papier "träumen". "Now and then in short stories I´ve barely rubbed elbows with painful truth, but I´ve never liked that truth; it´s always seemed horrible to me." (Robert Easton, Max Brand - The Big "Westerner" S. 222) So erschien ihm das Angebot aus Hollywood, künftig für den Film zuschreiben, ein möglicher Ausweg.

1937 war aber nicht nur eine Zeit des Umbruchs in beruflicher, sondern auch in politischer Hinsicht. In Europa begannen sich dunkle Wolken zusammenzubrauen und Faust ahnte, daß ein Krieg bevorstand. So verließ er ein Jahr später schweren Herzens sein geliebtes Italien. "Leaving the villa, in the late summer of 1938, after eleven years there, was one of the hardest blows of Pop´s life," schreibt seine Tochter Jane in Memories of My Father (15) [7]

Auf diesem Hintergrund wird der dunkle Charakter von Lake Tyndal vielleicht eher verständlich, einer merkwürdigen und für Faust untypischen Geschichte. Sie ist auch kein typischer Western, da ihr jeder positive Aspekt fehlt. Eher könnte ich sie mir als Schluß eines "schwarzen" Krimis vorstellen.

In der ganzen Geschichte kommt nur eine einzige Person vor, der eben aus dem Gefängnis entlassene Raubmörder Pete Harrison. Er ist auf dem Weg zu einem Tal in der Wüste, wo er seine Beute vergraben hat, und das nach dem Bau eines Staudamms überschwemmt zu werden droht. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Die Geschichte setzt ein, wo Harrisons Maultier kurz vor Erreichen des Ziels tot zusammenbricht. Auf dem weiteren Weg erfährt man in kunstvoll eingefügten Rückblenden und Gedanken Harrisons ganze Vorgeschichte, die Umstände seiner Gefangennahme, seinen Gefängnisaufenthalt und seine Untat, die er keineswegs bereut.

He had intended his bullet to be a mere settler for Monte. He had not dreamed that the fool would bleed to death. After all, it was only gambler´s blood, just as the ten thousand he took from Monte had been only gambler´s money. (125)

Mit ähnlicher Gefühlskälte betrachtet er auch alle anderen Lebewesen, sein zu Tode gerittenes Maultier oder einen Hasen, in dem er nur ein willkommenes Abendessen sieht. Sein einziger Lebenssinn ist das Geld, das er trotz des steigenden Wassers noch rechtzeitig ausgraben kann. Harrisons Freude darüber beschreibt Faust in seiner poetischen, bilderreichen Sprache.

[...] laughter began to bubble up from a bottomless well in his heart. It reached his throat. It owerflowed. Tears blinded him and then washed his eyes clean. He looked up. The sun had dipped from view long ago, but only now it was sinking below the true horizon, and the conflagration in the sky seemed to Pete Harrison a bonfire built in honor of this glorious moment. (131)

Doch in seiner Gier hat Pete Harrison das stetig steigende Wasser übersehen, von dem er praktisch eingeschlossen ist. Bei dem Versuch sich zu retten versinkt er bis zur Brust in einem Sumpf aus Treibsand.

The racing of his heart kept him from thinking, just as a graet knocking at a door stops the speaking voices inside the house. It was better to die quickly than to endure the frightful sickness of fear. Then hope found him in the great dark wilderness of his despair. (133)
When he looked up, the darkness was filling the valley to the brim, like water rising far above his head. (134)

Mit diesen Worten endet Fausts Geschichte, die zwar geschickt aufgebaut und ein gutes Beispiel für seinen poetischen Stil ist, die aber den Leser jeder Identifikationsmöglichkeit beraubt und ihn eher verstört und ratlos zurückläßt.

Vielleicht spiegelt Lake Tyndal Fausts innere Zerrissenheit, die sich nicht nur in seinem Berufsleben, sondern auch in seinem Privatleben ausdrückt. Bei einem geschäftlichen Aufenthalt in New York verliebte er sich 1936 in eine junge Frau aus vornehmer Gesellschaft. Faust versprach zwar seiner Frau Dorothy, die ihm in ihrer bisher 20jährigen Ehe immer treu zur Seite stand, die Beziehung zu beenden, sie dauerte aber noch mehrere Jahre an, ein Zustand, unter dem alle Beteiligten sehr litten. Später schrieb seine Tochter darüber in ihren privat veröffentlichten Memoiren (Jane Faust Easton, Memories of the ´20s and ´30s):

Life [...] became a kind of hell and I was torn between both my suffering parents, loving them both; [...] (136) When Pop was drinking he would often [...] talk [...] about Nin [his wife] and Mary [his mistress] and his terrible mixed-up tragic life. The great success of his Kildare films was little more to him than a source of income. At heart he was often in a state of despair over what he considered his failure as a poet and the mess he was making of his personal and family life, [...] (138)

In anderen Genres schrieb er noch weitere "schwer verdauliche" Geschichten, im Westerngenre aber äußerst selten. Zu diesen Ausnahmen zählen Eagles Over Crooked Creek (1938), seine letzte Geschichte in Western Story Magazine (wiederveröffentlicht in The Max Brand Companion) und das häufig anthologierte Wine on the Desert (1936), einer von fünf Western in The Collected Stories of Max Brand. Auch The Seventh Man (1921), der dritte Teil der Dan Barry Trilogie, endet tragisch mit dem Tod des Titelhelden, ebenso wie The Dream of Macdonald (1923) aus Max Brand, The Black Rider and Other Stories.

The Two-Handed Man (Western Story Magazine 1932) gibt nun Gelegenheit, Faust als den Mann kennenzulernen, als der er bekannt wurde: als king of the pulps. Diese novelette ist ein typisches Beispiel, Faust in Hochform!

Der junge Jimmy Bristol wird vom Gesetz gesucht. 5000 Dollar sind auf seine Ergreifung ausgesetzt. Drei Monate lang meidet er deshalb jede Ansiedlung. Doch als er vom Regen durchweicht auf die Lichter einer Stadt hinuntersieht, wird plötzlich sein Hunger auf Pfannkuchen so groß, daß er ihm nicht widerstehen kann.

Ein mit Aktion vollgepacktes Abenteuer beginnt, bei dem der Leser kaum Zeit findet, Atem zu holen oder nachzudenken, ebensowenig wie der Held Jimmy Bristol, der immer wieder von neuem seine Kämpferqualitäten beweisen muß. Um diese herauszustellen, bedient sich Faust des Erzschurken Dirk Van Wey, der einem Barry Christian (der Schurke aus Fausts 13teiliger Silvertip-Westernromanserie) in nichts nachsteht. Dieser Dirk Van Wey wird von vier hartgesottenen Kerlen umgeben, von denen jeder Einzelne dem Protagonisten im Kampf ebenbürtig sein dürfte. Darauf deuten die Worte eines Schäfers hin, der Bristol fragt, als sie sich unterwegs begegnen:

"Yeah. What are you, brother?"
"I´m an ace full on a pair of kings," said Jimmy Bristol, smiling gently.
The little man did not smile. "That´s a pretty big hand," he said, "but you can lose money on it in some games."
"It takes four of a kind to beat it," answered Bristol.
"They can be found, brother[...]they can be found," said the shepherd.(158)

(Bristol vergleicht sich mit einem full house, einem guten Blatt beim Pokern, das allerdings von four of a kind noch übertroffen wird.) Damit spielt Faust gleichzeitig auf die Vorgeschichte an, wo eine Pokerrunde Bristol zum Verhängnis wird. Ein Spieler zieht die vierte Zehn aus dem Ärmel, die er für four of a kind braucht. Bristol entdeckt den Betrug, der Spieler zieht seinen Colt, aber Bristol ist schneller und erschießt ihn. Seitdem ist er auf der Flucht.

Doch Bristol ist, wie viele von Fausts Westernhelden, ein "guter" badman, der, zu Unrecht ausgestoßen, nach vollbrachten Heldentaten am Ende wieder im Schoß der Gesellschaft aufgenommen wird. Die Schurken dagegen sind eine Ausgeburt der Hölle und würden sich am liebsten gegenseitig zerfleischen. Van Wey als Oberteufel ist vom Kampf wie besessen und nur auf Blutvergießen aus, und sei es am Ende auch das eigene Blut.

The giant propped himself up on both arms. He was quite calm. He seemed almost content and happy as he boomed out: "Well, kid, you snagged me. I guess you busted the bone of the leg. Poison in both hands, eh? Oh, you´re the real two-handed man." To the bewilderment of Bristol, Dirk Van Wey began to laugh. It was as though the beast of him had been so contented by the battle that he cared not for his own defeat, his pain, or the death at the hands of the law that might now loom before him. (214) Van Wey sagt am Ende zu Bristol: "It was a good fight, was what it was." (215-216) Das trifft auch für die ganze novelette zu. Ich kenne kaum einen Western, wo Faust seine Vorliebe für den Zweikampf derart auslebt wie hier, mit allen nur denkbaren Waffen: dem Winchester-Gewehr, dem Colt-Revolver, dem Bowie-Messer, sogar mit einer Axt und natürlich mit den Fäusten.

Während seiner Schulzeit machte Faust seinem Namen alle Ehre. Im Alter von 16 Jahren begann er mit der Hochschule in Modesto.

During his first days at Modesto High he accepted an invitation to box with a muscular bully who had the habit of trying to beat up any opponent. As his gloves were being laced on, Faust seemed like a lamb being prepared for the slaughter. However it soon became apparent that the lamb was able to butcher the butcher. While fighting his way up the pecking order at the eighteen different schools he had attended, Faust had developed not only a liking for personal combat but an effective technique. (Easton, Max Brand - The Big "Westerner", S. 10-11)

Obwohl in dieser novelette fast ständig gekämpft wird, kommt dabei im Verlauf der Handlung kein einziger zu Tode. Faust verzichtet auch auf die Beschreibung von grausigen Einzelheiten. Verletzungen werden nur erwähnt, aber nicht blutrünstig ausgeschmückt.

Alles in allem ein rasanter, unterhaltsamer Western, ganz in der Tradition der pulps, mit den üblichen Zutaten, bei denen auch eine zarte Liebesgeschichte nicht fehlen darf.

In Viva! Viva! (1937) kommt nicht nur wieder Faust's Kämpfernatur zum Vorschein, sondern vor allem sein Sinn für Humor. Diesen findet man in fast allen seinen Romanen und Geschichten. Oft ist es nur eine kurze humorvolle Bemerkung in einem Dialog oder bei der Charakterisierung einer Person, manchmal ist es eine Episode, aber nur selten eine ganze Geschichte, bei der dieser humorvolle Unterton vorherrscht, so wie in Viva! Viva!, dessen Protagonist James Easter vor Kraft und Lebensfreude nur so strotzt. Obwohl diese Geschichte eigentlich von einer Revolution in Südamerika handelt, kommt sie in ihrem Charakter einem Western durchaus nahe.

General Agosto Hurtado, dessen Schiff von einem Wirbelsturm zerstört wurde, sitzt mit seiner Revolutionsarmee in einem Küstendorf fest und berät gerade mit seinen sechs Generälen, wie sie von dort wegkommen könnten.

"Where the devil can we go from here?"
"Could we get to Rio Negro, up the coast?" asked Jesús Maria Valdez.
"Rio Negro? That´s where I´m going. Sure we´ll go to Rio Negro, all of us," said a voice from the doorway. A big young man was standing there, dressed in a banana leaf and nothing else. He added, as he entered the room: "To Rio Negro, amigos! And let´s start now. I´m overdue there. Has anybody got a spare cigarette?"
General José Díaz gave him one.
"Who are you?" asked Hurtado.
"I´m an extra part for your army," said the big, bare man. "You can always use another general, can´t you? My name is James Princeton Easter." (218-219)

So betritt der Protagonist die Bühne der Handlung, um wenig später alle durch seine Entschlossenheit mitzureißen, so daß auch Hurtado schließlich meint:

"Where can we go, except through the jungle to Rio Negro?"
" Viva! Viva Hurtado!" yelled big James Easter.
"We´ll starve in the jungle like wet cats!" declared General Moreno.
"To Rio Negro!" shouted Easter.
And to Rio Negro they went. (220)

Warum Easter unbedingt dorthin muß, bleibt sowohl dem General als auch dem Leser lange Zeit verborgen. Während des achttägigen Marsches durch den Dschungel schrumpft die Revolutionsarmee auf nur noch 300 Mann. Einige kehren bereits nach dem zweiten Tag um. Doch Easter scheinen die Strapazen nichts auszumachen. Unermüdlich schreitet er voran und bahnt mit der Machete einen Weg. Nach sieben Tagen wird er bereits zum General befördert und scheint schließlich, außer Hurtado selbst, der einzige zu sein, der von der Revolution überzeugt ist, obwohl er eigentlich nur zufällig in sie geriet.

"Viva! Viva Hurtado! Viva!" roared James Easter, and his voice seemed louder than the shout of the whole army. (224)

Schließlich findet die erschöpfte und ausgehungerte Revolutionsarmee Rio Negro verlassen vor und sieht sich von einer Übermacht auf den Anhöhen ringsum umgeben. Es herrscht Ratlosigkeit.

Then the three generals stood and looked at one another, and the army looked at its generals. (224)

Die Beratung der drei Generäle wird plötzlich unterbrochen.

[...] a sound thinner and more piercing than any flute and far sweeter to the ear of that army than any music, broke out on the verge of the empty village, It was the squealing of a pig, and three hundred mouths watered.
The human screaming of the swine came nearer, and now the generals could see a little, lean porker, weaving among the legs of the rabble of the army. The pig ran with his trumpet never silent, but the army of the revolution was silent. Men with faces stretched by grins of quiet earnestness were taking great strokes at the beast with their machetes. The broad blades flashed even in the dingy mist of rain. Dozens of soldiers had rifles at the ready or revolvers poised that they dared not fire because the pig was dodging through such a tangled mass of revolutionists. He was a pig with a calculating mind, and it seemed to him that the best way through a throng was to run between the legs of soldiers, rather than to try to dodge wide around them. Behind him the soldiers crashed against one another, staggered, fell headlong.(225)
"Do you see, General Easter?" he [Hurtado] asked. "One pig is enough to beat our army." He laughed as he watched.
James Princeton Easter was laughing also, and he had began [sic] to shout through his mirth -- "Hurtado! Viva! Viva Hurtado!" until the entire throng of ragamuffins was yelling and laughing also [...] (226)

Schließlich flieht das Schwein in die einzig mögliche Richtung, bergauf, der Übermacht entgegen.

The army followed on, without thought. Laughter, more than rum, had warmed their hearts. The three hundred went on through the fringe of trees and palms at the base of the bluff and so up the face of that impregnable slope, still shouting with laughter, sliding in the mud, pausing to lean on one another, and laugh again until a voice yelled above them: "Que viva?"
James Easter roared back: "The army of the revolution! Hurtado! [...] and the pig! !Viva! !Viva!"
"A pig! A pig!" cried the army of the revolution, still laughing. "!Viva! !Viva! The pig and Hurtado!" (226-227)

Soweit zum Inhalt der ersten Hälfte dieser vor Witz und Vitalität sprühenden Geschichte. Sie steckt noch voller Überraschungen, aber davon möchte ich nichts verraten.

Nach dieser ausgelassenen, übermütigen Komödie zum Schluß nochmal eine heitere, aber ruhigere Geschichte, mit der sich Faust vom Genre des Western nach 25 Jahren für immer verabschiedet. In The Taming of Red Thunder (1942), angesiedelt im zeitgenössischen Kalifornien, kommt Faust dem echten Ranchleben näher als in den meisten seiner Western. [8] Sogar ein Ritt auf einem Stier kommt darin vor, der allerdings mit dem von Eugene Manlove Rhodes in Pasó Por Aquí (1926) nicht vergleichbar ist.

Wie bereits der Name verrät, geht es um die Zähmung von "Red Thunder", einem entlaufenen Zuchtstier, der Cecilia Harter ein kleines Vermögen gekostet hat, und der allen Versuchen, ihn wiedereinzufangen, sich heftig widersetzt. Vor allem aber geht es um den Versuch Harters, seine eigenwillige Tochter Cecilia zu zähmen, d.h. sie wieder zur Vernunft zu bringen. Harter, aufgewachsen auf einer Farm im Mittelwesten, hat sich zu einem erfolgreichen Rechtsanwalt in New York hochgearbeitet. Die 20jährige Cecilia, die drei moderne Sprachen beherrscht und Freunde in ganz Europa hat, zieht es jedoch zurück in den Westen. In Kalifornien kauft sie Land für eine Ranch. Vier Jahre später entschließt sie sich, Joe Langley, den 37jährigen Vormann, zu heiraten. Harter ist entsetzt über die Vorstellung, daß seine Tochter einen 13 Jahre älteren Rindermann heiraten will.

Faust muß es zwei Jahre vorher ähnlich ergangen sein, als seine älteste Tochter Jane, damals 21, ihre Verlobung mit dem 33jährigen Vertreter einer Tabakfirma verkündet. Sie erzählt darüber in ihren Memoiren (Jane Faust Easton, Memories of the ´20s and ´30s, S. 149):

When I arrived at 317 Burlingame Avenue [Faust´s address in Hollywood] and announced I was engaged to Jack Reid (whom Daddy had met and didn´t think very highly of) my poor parents, who had watched me come close to several marriages, were rather dumbfounded -- the more so when I added that I would probably marry Jack when I returned East after my visit with them. They began a subtle campaign to prevent a union they did not believe in.

In Fausts Geschichte unternimmt Harter ebenfalls etwas dagegen, um seine Tochter von dieser Heirat abzubringen.

He wanted a young man of breeding and education to throw into the breach, but the only one he knew with these qualities was the son of his dead partner, and the lad was not promising[...]. Frank was a long, lean casual fellow who never had learned how to make an effort. Tutors had helped him through school, and he knew European beaches from Biarritz to the Riviera. (238-239)

Es bedarf erst einiger Überredungskunst und eines Tricks, ehe Frank Quigley bereit ist, zu Harters Tochter Cecilia in das ferne Kalifornien zu reisen.

Spätestens jetzt läßt sich schon ahnen, worauf das Ganze hinausläuft: auf den Gegensatz von Ost und West, von Stadt und Land, von zivilisiert und halb wild, von verweichlicht und hart. Es scheint die altbekannte Geschichte zu sein, aus der der Western oft seinen Humor schöpft, die Geschichte von der Überlegenheit des erfahrenen westerner gegenüber dem Neuling, der city mouse, wie ihn Cecilia verächtlich nennt. Mit dieser Erwartung des Lesers spielt Faust, aber er erfüllt sie nicht.

Dasselbe Thema, nur auf einer anderen Ebene, stellt auch der Zweikampf der beiden Stiere dar. Auf der einen Seite Red Thunder, der wilde Zuchtbulle, ("[...] a patch of sunshine among the trees -- a somewhat redder patch than usual -- turned suddenly into a charching future [...] driven by high-octave hatred of all things human." 245) auf der anderen Seite der riesige, zahme Alec. ("Alec, four years ago, had been a knock-kneed orphan that Cecilia had raised by hand until he followed her like a dog and came to her call from as far as her voice could carry." (242)

Sicher ist es kein Zufall, daß Faust gerade in seinem allerletzten Western die in diesem Genre oft propagierte Überlegenheit des westerner in Frage stellt. Mit dieser Geschichte, fern von den Stereotypen der pulps, beendet Faust seine 25jährige Karriere als Westernautor. "He had explored every possible variation in the field by then, and, although he did involve himself in scripting a few Westerns for Hollywood, his main interests lay elsewhere." (Nolan aus dem Vorwort zu dieser Geschichte. S. 237)

Sollte meine Besprechung von Tales of the Wild West einen zu positiven, zu enthusiastischen Eindruck hinterlassen haben, so darf man daraus nicht den falschen Schluß ziehen, daß ich als Faust-Fan alles, was er geschrieben hat, für hervorragend halte. Wenn auch in fast jedem seiner Western brilliante Passagen (vor allem in den Dialogen) zu finden sind und seine poetische Sprache das übliche Niveau der pulps weit überragt, so muß ich zugeben, daß vom Inhalt her gesehen viele seiner Western kaum mehr als durchschnittlich sind. Daß diese hier fehlen, ist der sorgfältigen Auswahl Nolans zu verdanken.

Andere Sammlungen von Faust-Western erfüllen diesen hohen Standard nicht. 1996 erschien bei der University of Nebraska Press eine dreibändige in Leinen gebundene Ausgabe mit je vier Geschichten. Sie sind aber von unterschiedlicher Qualität. Vier der Geschichten sind bereits in den von Nolan herausgegebenen drei Bänden Max Brand´s Best Western Stories enthalten. Doch jetzt wurden sie in ihrer Urfassung wiederveröffentlicht. Nolan hatte bei seinen drei Bänden mit vollem Einverständnis von Robert Easton (Fausts Schwiegersohn und Biograph, selbst Schriftsteller) einige Geschichten bearbeitet, d. h. manche Längen gestrafft und andererseits zum besseren Verständnis einzelne Wörter oder gar Sätze eingefügt, womit er sich nachträglich schwere Vorwürfe von Jon Tuska einhandelte, der sich mit seiner "Golden West Literary Agency" seit 1993 um die Rechte und Vermarktung von Fausts Western kümmert. [9] Inzwischen, so auch in Tales of the Wild West, ist man dazu übergegangen, die Texte in ihrer Urform zu veröffentlichen, so wie sie Faust eigenhändig auf seiner Schreibmaschine getippt hatte.

Diese Sammlung ungewöhnlicher Westernstorys gibt Einblick in das Schaffen eines der vielseitigsten und produktivsten Autoren. Er schrieb fast in jedem Genre, und sein Gesamtwerk beläuft sich auf circa 30 Millionen Wörter, was in etwa 530 Büchern entspricht. Durch die sorgfältige Auswahl der Geschichten dieser Anthologie erleben wir Faust in Hochform. Ein Leckerbissen für alle Westernfreunde!


Anmerkungen

[1] [Text] pulp magazines erschienen wöchentlich, 14-tägig oder monatlich, waren von minderer Papierqualität (pulp ist der Brei, aus dem das Papier entsteht) in Größe und Preis mit den hiesigen Groschenheften vergleichbar, vom Umfang dicker. Sie enthielten aber keinen abgeschlossenen Roman, sondern Kurzgeschichten, novelettes und Teile von verschiedenen Romanen, die in drei bis acht Fortsetzungen erschienen, und so den Leser immer wieder zum Kauf des neuen Heftes verführten.

[2] [Text] Max Brand, Tales of the Wild West, With a Foreword and Headnotes by William F. Nolan (Hampton Falls, Sagebrush Large Print Western, 1997). Die Taschenbuchausgabe von Tales of the Wild West bei Dorchester / Leisure Books, New York [ISBN:08439-4769-1] ist im Buchhandel erhältlich.

[3] [Text] Vgl. William A. Bloodworth, Max Brand, Twayne Publishers, New York, 1993 (eine ausgezeichnete, sämtliche Bereiche umfassende Studie von Fausts Werk) über The Golden Knight S. 137: "Like most if not all of Faust´s fiction, it involves an implicit contractual relationship with readers, self-consciously promissing good entertainment in return for the readers´ suspension of disbelief.

[4] [Text] Sechs Wochen vorher erschien von Max Brand ebenfalls in All-Story Weekly die Geschichte The Ghost, eine Variation von The Laughter of Slim Malone mit fast derselben Handlung, aber einem anderen Ende. Auch hier spielt ein Sänger eine Hauptrolle. (Unter dem Titel The Ghost Rides Tonight! in Max Brand, The Sacking of El Dorado, einer Anthologie seiner frühen Western. New York, Leisure Books, 1995)

[5] [Text] Dieses Thema hat Faust noch öfter verarbeitet. Auch in The Sun Stood Still (1934, aus The Collected Stories of Max Brand herausgegeben von Robert und Jane Easton, University of Nebraska Press, Lincoln und London, 1994, eine hervorragende Sammlung, in der noch vier weitere Western Stories enthalten sind) heißt der unermüdliche Fütterer der Heupresse Jumbo, was vielleicht kein Zufall ist. Vielleicht gab es ihn wirklich. Auch im Western Trouble Kid (1931), erschienen im Jahr 2000 als The Oath of Office bei Dorchester / Leisure Books, spielt die Heupresse eine wichtige Rolle. In diesem erfrischend humorvollen Roman, in der Ich-Form erzählt, geht es um die Zuneigung eines Jungen (der typisch für Faust ist: frech, unverwüstlich, mit einem Herz aus Gold) zu seinem Freund, einem kranken Banditen.

[6] [Text] Auch in Riders of the Plains (1926) spielt ein Schwarzer eine wichtige Rolle. Fausts Sympathie für Schwarze findet auch in seinem Privatleben ihren Ausdruck, nachdem er 1938 von Florenz nach Hollywood gezogen war. Easton schreibt in seiner Biographie Max Brand - The Big "Westerner" auf S. 221: "He developed a special feeling for Texas Negroes and retained several as butlers, chauffeurs, and cooks, often departing from a rigorous work schedule, to talk and drink with them most of the night, to Doroththy´s [his wife´s] mortification and despair."

[7] [Text] aus: William F. Nolan, Max Brand: Western Giant (Bowling Green State University Popular Press, Bowling Green, Ohio, 1985). Dieser Artikel wie auch einige andere aus demselben Buch wurde wiederveröffentlicht in Jon Tuska and Vicki Piekarski (Herausgeber), The Max Brand Companion, Greenwood Press, Westport, Connecticut and London, 1996, ein äußerst umfangreiches Werk mit biographischen, bibliographischen und literaturkritischen Beiträgen, sowie einigen von Fausts Geschichten und Gedichten.

[8] [Text] Eine weitere Ausnahme ist Fausts letzter Westernroman Dust across the Ranch (1937), der ebenfalls im modernen Westen spielt.

[9] [Text] In der Max Brand Western Anthologie The Sacking of El Dorado (Leisure Books, New York, 1997; bereits 1995 als hardback erschienen) ist zu lesen: "The three Max Brand story collections gathered by William F. Nolan were in most cases so completely rewritten as not to be recognizable if compared with the original stories." Daraufhin fühlte sich Nolan genötigt, sich im Max Brand Magazin Singing Guns, No 9, Fall 1996, (Hrsg: David L. Fox, 922 Tilley Creek Road, Cullowhee, NC 28723) zu verteidigen. "I did only what Faust himself would have done had he been alive to polish and tighten his pulp fiction (exactly as he actually did with several earlier stories in his own edited collection, Wine on the Desert in 1940)". (S.64) Die Bearbeitung von Texten durch Herausgeber wird wohl immer ihre Befürworter und Gegner finden.

Verwendete Literatur

über Frederick Schiller Faust:

  • Jon Tuska and Vicki Piekarski (Herausgeber), The Max Brand Companion. Westport and London, Greenwood Press, 1996
  • William A. Bloodworth, Max Brand. New York, Twayne Publishers, 1993
  • William F. Nolan, Max Brand : Western Giant. Bowling Green, Bowling Green State University Popular Press, 1985
  • Jane Faust Easton, Memories of the ´20s and ´30s. Santa Barbara, 1979 Robert Easton, Max Brand : The Big "Westerner". Norman, University of Oklahoma Press, 1970
  • Singing Guns A Journal of Comment and Analysis Dedicated to Frederick Faust (Herausgeber: David L. Fox, 3043 Tilley Creek Road, Cullowhee, NC 28723) von Frederick Schiller Faust



Anthologien:

  • Max Brand´s Best Western Stories, herausgegeben von William F. Nolan Vol. I New York, Dodd, Mead 1981; Vol. II New York, Dodd, Mead 1985; Vol. III New York, Dodd, Mead 1987 Max Brand, The Sacking of El Dorado. New York, Leisure Books, 1997
  • Max Brand, The Black Rider and Other Stories, herausgegeben von Jon Tuska. Lincoln and London, University of Nebraska Press, 1996
  • Max Brand, The Bells of San Carlos and Other Stories, herausgegeben von Jon Tuska. Lincoln and London, University of Nebraska Press, 1996 [Im Buchhandel in anderer Ausgabe lieferbar]
  • Max Brand, The Ghost Wagon and Other Great Western Adventures, herausgegeben von Jon Tuska. Lincoln and London, University of Nebraska Press, 1996
  • The Collected Stories of Max Brand, herausgegeben von Robert und Jane Easton, Lincoln und London, University of Nebraska Press, 1994


Westernromane von Max Brand (Erstveröffentlichung als Buch(in Auswahl))

  • Dust across the Ranch, London, Hale, 1994 [Im Buchhandel in anderer Ausgabe lieferbar]
  • Happy Jack, New York, Dodd, Mead, 1936
  • Riders of the Plains, New York, Dodd, Mead, 1940
  • Rippon Rides Double, New York, Dodd, Mead, 1968
  • The Seventh Man, New York, Putnam, 1921
  • Silvertip, New York, Dodd, Mead, 1941
  • Evans, The Song of the Whip, Harper, 1936
  • Speedy, New York, Dodd, Mead, 1955 [Im Buchhandel in anderer Ausgabe lieferbar]
  • Tragedy Trail, New York, Dodd, Mead, 1951
  • Trouble Kid, New York, Dodd, Mead, 1970 (bei Leisure Books unter dem Titel The Oath of Office (2000)
  • The Untamed, New York, Putnam, 1919
(Elisabeth Wänke)

Friedrich Gerstäcker


Leben und Werk eines Erfolgsschriftstellers


Bei dem folgenden Text handelt es sich um das Manuskript eines Vortrages, den ich im Herbst 2005 in der VHS Essen gehalten habe. Der Vortragsstil wurde unverändert beibehalten, einige Abbildungen wurden hinzugefügt.


Im Juli 1837 - vor nunmehr 168 Jahren - erblickte von Bord der Barke "Constitution" ein gerade einundzwanzigjähriger junger Mann zum erstenmal das amerikanische Festland. Er hatte sich als Zwischendeckspassagier auf dem Segler eingeschifft und beabsichtigte, sich in den Vereinigten Staaten, von Amerika anzusiedeln. Genau wie die anderen Passagiere des Schiffes, und genauso wie die übrigen 23470 Auswanderer, die in diesem Jahr nach den USA aufbrachen, erhoffte sich der junge Friedrich Gerstäcker im "Land der langen Sehnsucht" ein Leben frei von den Beengungen und Problemen in Deutschland. Zwischen dem eigentlichen Auswanderungsentschluß und seiner Durchführung hatte Gerstäcker eine landwirtschaftliche Lehre auf einem Gut in Sachsen absolviert, so dass er mit den im landwirtschaftlichen Bereich anfallenden Arbeiten vertraut war. Für eine geplante Ansiedlung als Farmer in den westlichen Staaten der USA hatte eine solche Ausbildung laut der Meinung von Gerstäckers Mutter ihre Vorteile.

Friedrich Wilhelm Christian Gerstäcker wurde am 10. Mai 1816 in Hamburg geboren. Seine Jugend war von zahlreichen Umzügen der Familie geprägt. Der Vater, ein seinerzeit bekannter Tenor, wurde durch wechselnde Engagements gezwungen, öfters den Wohnort zu wechseln. So gelangte der Junge mit vier Jahren nach Dresden und kurz darauf zog die Familie ins kurhessische Kassel, wo Gerstäckers Vater einen Vertrag am Hoftheater erhalten hatte.



Das Jahr 1825 brachte für den Knaben neue einschneidende Veränderungen. Nach dem Tod des Vaters nahm sein Onkel Eduard Schütz den Jungen und seine Schwester Molly zu sich, da die finanzielle Lage der Familie prekär und die kleine vom Kurfürsten von Hessen-Kassel ausgesetzte Rente nicht für den Unterhalt und die Erziehung der drei Kinder ausreichte. In Braunschweig, wo Schütz als Schauspieler und später als Hoftheaterdirektor tätig war, besuchte der junge Friedrich bis 1830 das Katharineum. In diesem Jahr verließ er Braunschweig wieder und zog zu seiner Mutter nach Dresden, wo er noch einige Jahre in die oberen Klassen des Nicolai-Gymnasiums ging. Die häufigen Ortswechsel und auch die mehrjährige Trennung von der Mutter dürften dazu geführt haben, dass der Junge ziemlich isoliert aufwuchs und zumindest in seiner Jugend nur selten engere soziale Kontakte knüpfte. Im Briefwechsel mit seinem Freund Adolph Hermann Schultz wird dies deutlich, wenn er sich über die "geringste Sorte der Menschheit" auf dem Gut bei Döben, wo er seine landwirtschaftliche Ausbildung absolvierte, mokiert. Wenig später notiert er im gleichen Brief, dass er abends allein seinen Träumen nachhängen würde.

Den Plan, in ferne Länder zu reisen, fasste der Gerstäcker schon in früher Jugend, wie er in einer 1870 für die Gartenlaube verfassten autobiographischen Skizze erwähnte:

"Was mich so in die Welt hinausgetrieben? - Will ich aufrichtig sein, so war der, der den ersten Anstoß dazu gab, ein alter Bekannter von uns allen, und zwar Niemand anders als Robinson Crusoe. Mit meinem achten Jahr schon faßste ich den Entschluß, ebenfalls eine unbewohnte Insel aufzusuchen, und wenn ich auch, herangewachsen, von der letzteren absah, blieb doch für mich, wie für tausend Andere, das Wort 'Amerika' eine gewisse Zauberformel ...."

Wenn auch diese ersten Pläne auf den romantischen Überschwang der Jugend zurückzuführen sind, so blieb die Sehnsucht nach fernen Ländern, geschürt durch die Lektüre einschlägiger Literatur für die Zukunftspläne Gerstäckers bestimmend. So boten z.B. die frühen Übersetzungen von Coopers Lederstrumpfgeschichten, die gerade zu dieser Zeit in Deutschland großen Erfolg hatten, ein romantisiertes abenteuerliches Amerikabild, welches Gerstäcker bestimmt beeinflusst hat. Seine Auswanderungspläne konkretisierten sich nach der Schulzeit und einer abgebrochenen kaufmännischen Lehre. Er plante nun, nach Amerika zu gehen, wobei allerdings der Entschluss, in die Vereinigten Staaten auszuwandern, noch nicht endgültig gefestigt war, wie aus einer Briefstelle zu ersehen ist, wo ihm "...recht deutlich Brasilien vor (schwebte, er)...sah im Geist die herrlichen Landschaften des tropischen Himmelstrichs und träumte dann im seeligen Vergessen... ." Nach dem Abschluss der landwirtschaftlichen Lehre auf dem Rittergut Haubitz bei Döben realisierte er seine Pläne und schiffte sich im Mai 1837 in Bremerhaven nach den Vereinigten Staaten ein.

Porträt Gerstaecker

Ohne konkrete Zukunftspläne kam Gerstäcker am 25. Juli 1837 in New York an. Nach der Ausschiffung wohnte er zunächst in einem der typischen Auswanderergasthöfe, zog dann aber bald zu einer deutschen Familie, die er kennen gelernt hatte. Mit seinem Wirt eröffnete er einen Tabakladen, der allerdings nur schlecht lief und nach kurzer Zeit wieder geschlossen werden musste. Gerstäcker zog es nun nach Westen. Er durchstreifte in den folgenden Jahren die Staaten am Mississippi und Arkansas und betätigte sich in den unterschiedlichsten Berufen, als Jäger, Silberschmied, Pfeifenrohrschneider, Heizer auf einem Mississippidampfer oder auch als Helfer auf einer Farm. Etwa fünf Jahre verbrachte Gerstäcker auf diese Weise in den westlichen Staaten der Union und lernte das Leben und die Verhältnisse der weißen Siedler und auch der Indianer durch eigene Anschauung gründlich kennen. Schließlich arbeitete er noch ein Jahr lang als Geschäftsführer eines Hotels in Pointe Coupée in Louisiana, bevor er beschloss, über New Orleans nach Deutschland zurückzukehren.

Jagd- und Streifzüge (Ensslin)
Wieder in Deutschland erfuhr er, dass seine Mutter die ihr zugesandten Tagebücher einem befreundeten Redakteur zur Veröffentlichung übergeben hatte. Gerstäcker erkannte schnell die Möglichkeiten, die sich ihm boten, wenn er seine Erlebnisse in schriftstellerischer Form auswertete. Er überarbeitete seine Tagebücher, und 1844 erschienen diese unter dem Titel Streif- und Jagdzüge durch die vereinigten Staaten Nord-Amerikas mit einem Vorwort des damals bekannten Amerikakenners Traugott Bromme in Buchform. Über den Erfolg des Bandes kann man leider keine konkreten Aussagen machen. Wenn Eggebrecht schreibt, dass sich der Erfolg in Grenzen gehalten hätte, so bleibt dies reine Vermutung. Auf eine positive Aufnahme dieses Reiseberichts beim Publikum deutet hin, dass der Band in einer zeitgenössischen Rezension in den Blättern für literarische Unterhaltung sehr wohlwollend besprochen wird.
Nach den Streif- und Jagdzügen... schrieb Gerstäcker zunächst einige kürzere Texte für Zeitschriften, wie das bei Brockhaus erscheinende Pfennigmagazin, eine - wie der Titel schon sagt - preisgünstige Zeitschrift für eine breites Publikum. Es folgten Übersetzungen englischsprachiger Autoren, u.a. ein Südseeroman von Herman Melville. 1846 gelang Gerstäcker dann der schriftstellerische Durchbruch. Weitgehend auf seinen Erlebnissen basierend schrieb er Die Regulatoren in Arkansas, einen spannungsreichen, abenteuerlichen Roman aus dem Leben der amerikanischen Backwoodsmen. Als Backwoodsmen bezeichnete Gerstäcker die weißen Siedler an der amerikanischen Zivilisationsgrenze. Die Erstauflage des Bandes war von Gerstäckers Leipziger Verleger Wigand eigenmächtig von 1000 Exemplaren auf 1500 Exemplare heraufgesetzt worden, was für die damalige Zeit, in der Romanauflagen von 700 Exemplaren keine Seltenheit waren, eine beträchtliche Zahl für den Erstlingsroman eines jungen Autors bedeutete. Bald darauf publizierte Gerstäcker den ebenso erfolgreichen Fortsetzungsband Die Flußpiraten des Mississippi.
Mit diesen beiden Romanen, die bis heute zu den großen Klassikern der deutschsprachigen Abenteuerliteratur gehören, hatte Gerstäcker die Grundlage für seine spätere Popularität geschaffen. Ein zeitgenössischer Rezensent lobt z.B. die ansprechende Charakterisierung der Figuren, die gute und spannende Handlungsführung und die angemessenen Naturschilderungen und schließt seine Besprechung wie folgt: "Möge der Verf. ... uns ferner solche Schilderungen vorführen: sie werden gewiss mit Dank aufgenommen werden." Gerstäckers wachsende Popularität, die neben den genannten Romanen auch auf zahlreichen kleineren Arbeiten aus diesen Jahren beruhte, zeigte sich nicht zuletzt darin, dass ihm die angesehenen Blätter für literarische Unterhaltung 1848 einen umfangreichen Artikel widmeten, in dem seine bis zu diesem Zeitpunkt erschienenen Werke im Zusammenhang gewürdigt wurden. Vor allem durch die erwähnten beiden Romane wurde Gerstäcker Ende der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts zum bedeutendsten und wichtigsten Autor von abenteuerlicher Unterhaltungsliteratur in Deutschland. Es gelang ihm, den zuvor beherrschenden Einfluss von Charles Sealsfield auf diesem Gebiet zu brechen. Vermutlich lag dies daran, dass sich seine Schriften an ein breiteres Leserpublikum wandten, leichter verständlich und spannender erzählt waren.

Nicht zuletzt dürfte für Gerstäckers Aufstieg zum Erfolgsautor aber auch ein anderer Grund wichtig gewesen sein. Das Interesse der Europäer und besonders auch der Deutschen an Informationen und Nachrichten über Amerika und die Vereinigten Staaten war im 19. Jahrhundert sehr groß. Wünsche nach weiteren Kenntnissen konnten, wenn man einmal von privaten Kontakten und den sowohl zeitlich als auch finanziell aufwändigen Reisen absieht, nur durch die schriftlichen Medien Zeitung, Zeitschrift und Buch gestillt werden. Abgesehen von den Interessen, die Auswanderungslustige hatten, wurden die Vereinigten Staaten häufig auch als Land der politischen Freiheit und des romantischen Abenteuers gesehen. Gerstäcker sprach in seinen Schriften neben den von ihm verhältnismäßig knapp dargestellten politischen Aspekten sowohl die Wünsche der Auswanderungsinteressierten, als auch die Leser romantischer Abenteuer an.

Vier Ausgaben des Romans Die Flußpiraten des Mississippi.

Schwedische Übersetzung
Büchergilde Gutenberg

Südwest Verlag

Tosa Verlag

Die mit der Revolution von 1848 verbundenen politischen, sozialen und gesellschaftlichen Unruhen verschlechterten auch die Verdienstmöglichkeiten für Schriftsteller in Deutschland. Gerstäcker sympathisierte zumindest zunächst mit den Ideen der Revolution, er stand Vertretern des "Jungen Deutschland", z.B. Heinrich Laube nahe, die er im Dresdener Literatenverein kennen gelernt hatte, und trat 1848 als Zugführer einer revolutionären Bürgergarde bei. Ob seine spätere Distanzierung von der revolutionären Bewegung auf geänderte politische Überzeugungen zurückzuführen ist, oder ob Gerstäcker aufgrund der zunehmenden Erfolge der konservativen Kräfte beschloss, sich nicht zu kompromittieren, muss offen bleiben. Mir scheint allerdings die Hypothese erlaubt, dass sein sich im Laufe des Jahres 1848 konkretisierender Reiseplan, auch im Zusammenhang mit seinem Rückzug aus dem tagespolitischen Geschehen zu sehen ist. Gerstäcker selbst konstatiert allerdings, dass er "von ewiger Reiselust getrieben" sich durch "einen kecken Entschluß eine Stellung" erzwingen und damit neue Verdienstmöglichkeiten schaffen wollte. Er wandte sich an verschiedene Institutionen mit dem Plan, die deutschen Kolonien im Ausland - gemeint sind Ansiedlungen privater Art von Deutschen - zu besuchen und darüber zu berichten. Es gelang ihm, das Frankfurter Parlament für seinen Plan zu interessieren und so eine finanzielle Unterstützung zu bekommen. Teilweise finanzierte auch der bekannte Stuttgarter Cotta-Verlag die Reise, wofür sich Gerstäcker verpflichtete, regelmäßig Korrespondenzberichte zum Abdruck in den verschiedenen Cottaschen Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben. Daneben versprach er, eine geplante Ausarbeitung seiner Reise in Buchform zuerst dem Cottaschen Verlag anzubieten.

Zur finanziellen Versorgung seiner Familie schrieb er vor seiner Abreise in rascher Folge zahlreiche Texte von denen hier die beiden Auswanderungsführer Nord- und Südaustralien. Ein Handbuch für Auswanderer und Wie ist es denn nun eigentlich in Amerika oder der in Deutschland spielende Roman Pfarre und Schule erwähnt seien.

"Ho-Boys, Ho to Californi-O
There's plenty of gold, so I´ve been told
On the banks of the Sacramento shore."

Diesen Refrain eines seinerzeit bekannten Shanties könnte auch der damals zweiunddreißigjährige Friedrich Gerstäcker gehört haben, als er sich dann im März 1849 in Bremen an Bord der Bark "Talisman" einschiffte, um das fabelhafte Goldland im weit entfernten Kalifornien aufzusuchen. Die Reise sollte ihn im Lauf der nächsten Jahre rund um die Welt führen. Er durchquerte Südamerika, arbeitete auf den Goldfeldern Kaliforniens, besuchte Hawaii, Tahiti und Australien, wo er ebenfalls den Goldrausch miterlebte, und kehrte schließlich über Java nach Europa zurück. Wie schon nach seiner ersten Amerikareise (1837-1843) begann er sehr bald seine Erlebnisse in Reiseberichten, Romanen und Erzählungen schriftstellerisch zu verwerten. zunächst erschien beim renommierten Stuttgarter Cotta-Verlag ein insgesamt fünfbändiger Reisebericht, in dessen zweitem Band die kalifornischen Erlebnisse behandelt wurden. Es folgten Erzählungen für Zeitschriften, die später auch in Sammelbänden veröffentlicht wurden, ein Jugendbuch mit dem Titel Georg, der kleine Goldgräber in Californien und schließlich 1858 der wohl bekannteste deutschsprachige Roman über den kalifornischen Goldrausch: Gold! Ein californisches Lebensbild (Jena, 1858), der bis heute immer wieder neu aufgelegt wurde.

Friedrich Gerstäcker hatte sich, bevor er im Frühjahr 1849 zu seiner Reise aufbrach, schon ausgiebig mit dem Goldrausch in Kalifornien beschäftigt. Er studierte die Nachrichten, die über die Goldfunde im Tal des Sacramento in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht worden waren und gab noch kurz vor seiner Abreise eine Broschüre unter dem Titel Kaliforniens Gold- und Quecksilberdistrict heraus, in der er übersetzte englischsprachige Artikel für das deutschsprachige Publikum aufbereitet hatte. Schon Mitte des Jahres 1848 - Nachrichten verbreiteten sich damals oftmals erstaunlich schnell - hatte Gerstäcker erste Reisepläne geschmiedet, und im Januar 1849 schrieb er in einem Brief an Cotta, dass es "wohl gerade jetzt kein interessanteres Land in der weiten Welt geben [würde], als eben Californien" (Briefe II, 19). Es eilte ihm mit der Abreise und er notierte: "Will ich aber augenblicks den richtigen Zeitpunkt für Californien nicht versäumen, so ist es nothwendig, dass ich von hier aus mit dem ersten dorthin absegelnden Schiffe gehe, und das ist für den 15ten März angesetzt." (Briefe II, 19).

Gerstäcker wollte - wie Zehntausende von Abenteuerlustigen - möglichst schnell ins Goldland und benutzte daher das erste nach der Winterpause segelnde Schiff. Die Goldsucher im Roman Gold können gleichfalls den Zeitpunkt kaum erwarten, an dem sie endlich an Land dürfen:

"Was versäumten sie indessen nicht alles an Bord! Jene ersten Auswanderer nach Kalifornien, zu denen im alten Vaterlande nur eben auch die ersten fabelhaft klingenden Nachrichten gefundener Schätze gedrungen waren, hatten noch alle den Kopf voll goldener Hoffnungen und Träume. In den Minen fanden sie jener Kunde nach ‚eine Unze Gold täglich', und wenn sie diese nur geradehin zu zwanzig Taler Pr. Cour. taxierten, ließ sich eine vollkommen genaue Rechnung aufstellen, um was sie hier in jeder Woche nutzlosen Harrens gebracht wurden." (Gold, 2).

Gerstäcker lässt die an Bord der "Leontine" zusammengewürfelten Passagiere darüber berichten, welche Wünsche und Vorstellungen sie haben.
"In drei Tagen haben ihrer zwei aus irgendeiner alten Schlucht dort drüben für viertausend Dollar blankes Gold herausgegraben." Ein anderer Passagier beantwortet die Frage, warum er nach Kalifornien geht: "Wahrhaftig nicht, um oben in den alten faulen Bergen nach Gold zu puddeln!" rief aber der Apotheker. - "Kranke Menschen wird's genug in San Francisco geben, - leichtsinniges Gesindel dass sich oben in den Minen so lange herum getrieben hat, bis es die Knochen nicht mehr regen kann. Die fallen mir nachher in die Hände, und dass ich die auspressen will, bis sie auch kein Korn Gold mehr hergeben, darauf können sie sich verlassen." (Gold, 8)

Der erste Blick auf San Francisco lässt die Erwartungen der Passagiere ansteigen:
"Jetzt wie einem Zauberschlage, klafften die beiden schroffen Felswände zurück. [...] Das war ein Drängen und Fragen und Jubeln und Laufen an Bord; denn wunderbar rasch entfaltete sich mehr und mehr das eigentümliche Leben der Bai vor ihren Augen, aber zum Antworten hatte niemand Zeit oder Lust. Jeder wollte nur sehen, genießen und achtete schon des Gegenwärtigen nicht mehr, denn gerade vor den Blicken enthüllte sich mit jeder Schiffslänge mehr das eigentliche Ziel der langen Fahrt, die Hauptstadt des Landes ihrer goldenen Träume: San Francisco. Noch hatten sie erst einzelne zerstreute Häuser und Zelte auf den nächsten Hügeln erkannt, plötzlich aber, die Spitze der Landzunge umfahrend, lag die wunderlichste Stadt der Erde in ihrer ganzen Ausdehnung, vorn von Hunderten abgetakelter Schiffe, im Hintergrunde von kahlen Bergen umschlossen vor ihnen. Der eigene niederrasselnde Anker - die herrlichste Musik nach so langer Fahrt - brachte sie auch erst wieder zu sich selber."(Gold, 26)

Diese panoramistische Sicht auf eine Stadt ist typisch für Gerstäcker. Er verwendet sie immer wieder, z.B. wenn er später die Minenorte selbst beschreibt.

Gerstäckers schildert in Gold die Erlebnisse zahlreicher Passagiere der "Leontine" in Kalifornien, wobei die Schilderung des Lebens in den Minendistrikten breiten Raum einnimmt. Durch die Berücksichtigung der Schicksale seiner zahlreichen Protagonisten zerfasert der Roman allerdings in eine Vielzahl von kaum untereinander verbundenen Einzelhandlungen. Es gelingt Gerstäcker - wie auch in zahlreichen seiner anderen Werke - nicht, einen durchgängigen Handlungsstrang durchzuhalten. Er richtet sein Augenmerk vielmehr auf die detaillierte Schilderung von Einzelheiten, die teilweise dokumentarisch echt wirken.

Ein Goldgräber besucht ein Zelt:
"Das Innere des Zeltes versprach allerdings nicht viel; denn eine ungehobelte lange Bank von Zedern-Brettern, mit eben solchen Bänken an der Seite, stand in der Mitte und war nur stellenweise mit ein paar kurzen und einige mal gebrauchten Tischtüchern bedeckt. Messer, Gabeln und Teller fanden sich allerdings vor, auch ein großes Salzfaß - vielleicht von Zinn - der darauf haftende Staub ließ es nicht recht erkennen - ; aber zwei riesige Flaschen mit sogenannten ‚Pickles' (kleine Gurken in Essig und spanischem Pfeffer) bildeten den eigentlichen Anlockungspunkt für diese Mahlzeiten. Es war einmal etwas Pikantes für die Zungen, die sich das ewige frische Fleisch und Weizenbrot zuwider gegessen hatten, und die Leute bezahlten gern einen ziemlich hohen Preis für dasselbe, was sie sich zu Hause, d.h. in ihrem Zelte, auch hätten kochen können, nur um dabei dieser sauern und gepfefferten Pickels habhaft zu werden."(Gold, 166 f.)

In den Golddistrikten trafen sich Menschen unterschiedlichster Nationalitäten und Herkunft. Gerstäcker erwähnt z.B. den deutschen Baron, der sich seinen Lebensunterhalt als Kellner verdient und berichtet ausführlich über die Rivalitäten zwischen Goldsuchern US-amerikanischer, mexikanischer, europäischer, australischer oder chinesischer Herkunft: "Beim Teufel, die Langzöpfe sitzen hier mitten im Gold drin, während wir, denen der Boden gehört, um Lohn um sie herumhacken. Heraus von da, oder verdammt will ich sein, wenn ich euch nicht Beine mache!" (Gold, 332)

Der Streit eskaliert, es kommt zu einer Schlägerei, bei der die Chinesen unterliegen.

Die Sprache und die Lieder der Goldgräber werden gleichfalls dokumentiert. So schreibt Gerstäcker in einer Fußnote: "In Kalifornien bedeutet das Wort ‚lump' dasselbe, was man in Australien unter nugget versteht, einen tüchtigen Klumpen gediegenes Gold." (Gold, 239)

"Drei Amerikaner sangen mit lauter Stimme hinter ihm drein:

‚Oh Susannah - don't you cry for me,
I go to California, with a washbowl on my knee.'"(Gold, 240)

Gerstäcker setzt hier und da auch humoristische Akzente. So treffen sich am Ende des Romans einige der Passagiere der "Leontine".

"Holla, Herr Graf! [...] dow do you do? - in den Hills oben bin ich gesteckt und habe gediggt und gewaschen." "Und sind Sie glücklich gewesen?" "Pah," zuckte der Mann mit den Achseln. - "Was die Leute Glück kalen (to call), das soll der Teufel hier in den mines holen. Erst hab' ich mir einen bösen Kalt gekätscht und bin sick gewesen, dann war's ordentlich, als ob ich on Purpoß nichts finden sollte. Jetzt hab' ich nun meinen Meind aufgemacht und will nach San Francisco trawweln." "Sträfliches Deutsch!" murmelte der Justizrat vor sich hin, - "verstehe kein Wort." "Und was wollen Sie dort, Herr Erbe?" fragte Beckdorf, der sich über den Burschen amüsierte. "Ich tu's noch nicht wissen; - wahrscheinlich einen Barbershop aufraisen und die Leute schäwen (rasieren)." (Gold, 557)

Die Romanfigur Erbe hat eingesehen, dass sie durch das Goldsuchen ihr Glück nicht machen kann und plant nun ihren alten gelernten Beruf wieder aufzunehmen. Gerstäcker fasst hier seine eigenen Erfahrungen zusammen, die er auch in einem Brief an seine Mutter niederschrieb: "Mit den Goldminen ist es Essig, so viel hab ich jetzt ungefähr weg und wenn auch Einzelne ihr Glück machen, im Allgemeinen muss die Mehrzahl doch nachsehen." (Brief vom 7.8.1850, Ostwald, Gerstäcker, 51)

Zwei Jahre vor der Veröffentlichung des Romans Gold - im Jahre 1856 - hatte Friedrich Gerstäcker mit den Californischen Skizzen eine Sammlung von zehn Texten publiziert, die gleichfalls das Leben in den Minendistrikten Kaliforniens behandelten. Eine Nacht im Mosquitogulch schildert authentisch das Lagerleben und bietet zahlreiche interessante Einblicke, so listet Gerstäcker beispielsweise die verschiedenen Lebensmittel und ihre Preise penibel auf oder veröffentlicht ein Goldgräberlied in deutscher Sprache. Die Entdeckung des Jackaßgulch (Eselsschlucht) schildert die Arbeit und die Gefahren in den Minen, wobei auch der Leipziger Barbiergeselle Wilhelm Erbe aus dem Roman Gold einen ersten Auftritt hat, bei dem er die englische und die deutsche Sprache ähnlich wie in dem obigen Zitat aus dem späteren Roman verballhornt.

Auch andere Themen, wie die Differenzen zwischen Goldsuchern unterschiedlicher Nationalität griff Gerstäcker in diesen Skizzen auf. Die französische Revolution schildert eine Auseinandersetzung zwischen Franzosen und Amerikanern und Der Mexikaner in den californischen Minen erzählt wie mexikanische Goldgräber den Claim eines Deutschen unterhöhlten, das Gold fortschafften, erwischt und schließlich bestraft wurden.

Eine Nacht in einer Californischen Spielhölle spielt dagegen in San Francisco, und erzählt u.a. vom Schicksal einer Mexikanerin besserer Herkunft, die gezwungen ist in einer Spielhalle zu singen, weil ihr Vater der Spielsucht verfallen ist. Gerstäcker beschreibt hier die Einrichtung einer Spielhalle und ihre Besucher ausführlich, bevor er von einem Raubmord berichtet.

In allen Texten Gerstäckers über den Goldrausch in Kalifornien finden sich detailgetreue Schilderungen von Einzelheiten, die der Autor selbst gesehen hatte, von Ereignissen an denen er selbst teilgenommen hatte und natürlich auch von Einzelheiten über die er etwas in den Goldgräberlagern Kaliforniens gehört hatte. Teilweise tritt er selbst in den Texten auf, so z.B. in Eine Nacht am Mosquitogulch, wo es heißt: "Das Zelt wurde von drei Deutschen, Renich, Have und Müller - so wollen wir den dritten nennen, denn mein eigener Name ist so verwünscht lang - bewohnt." (Californische Skizzen, 6) Im Gegensatz zu späteren Autoren des 19. Jahrhunderts, die über den Goldrausch schrieben, wie z.B. die Amerikaner Bret Harte oder Mark Twain, hatte Gerstäcker selbst als Goldwäscher in den Bächen Kaliforniens gestanden, er kannte die Verhältnisse als Augenzeuge und schilderte sie getreu. Wenn auch seine Schriften literarisch nicht unbedingt besonders wertvoll sind, wenn uns auch seine Darstellungen aufgrund der veralteten Sprache und der Schwächen in der Handlungsführung langatmig erscheinen, so bieten sie doch ein wirklichkeitsgetreues, sozialgeschichtlich interessantes Bild Kaliforniens um 1850. Das Beliebtheit seiner Schilderungen des Goldrauschs zeigt sich auch darin, dass der Roman Gold schon 1859 in die englische Sprache übersetzt wurde und in einer amerikanischen Ausgabe erschien.

Aber nach dieser Reise entstanden auch andere Schriften. Die zahlreichen Eindrücke und Erlebnisse, die Gerstäcker während der Reise in Tagebuchform festgehalten hatte, wertete er zunächst in Form eines fünfbändigen Reiseberichtes aus, der wie vereinbart 1853-1854 bei Cotta publiziert wurde. In einer Rezension dieses Reiseberichts schreibt der Rezensent über Gerstäcker:

Porträt

"Er besitzt einen raschen Blick, die Gabe gewandter, geistreicher, oft witziger Darstellung, an der rechten Stelle Kürze des Ausdrucks und ein großes Talent, seine Anschauungen in Bildern und Gruppen, in lebensvollen Situationen und Schildereien wiederzugeben, welches letztere malerische Talent am geeignetsten ist fremde Sitten, Gebräuche und Lebensweisen, Charaktere und Eigenthümlichkeiten anschaulich zu machen."

Abgesehen von freundlichen Kritiken fanden die Bände eins und zwei des Reisewerkes auch eine positive Aufnahme beim Publikum. So waren von diesen beiden Bänden, die im Frühjahr 1853 in einer Auflage von 2000 Exemplaren pro Band erschienen waren, am 10. Mai des selben Jahres nur noch 257 Exemplare pro Band beim Verlag vorhanden.

Belletristisch wertete Gerstäcker seine Reise aus, indem er zahlreiche kürzere Erzählungen und Skizzen für Zeitschriften verfaßte und auch Romane wie Tahiti, Die beiden Sträflinge oder Unter dem Äquator schrieb, die in der Südsee, in Australien oder auf Java spielten. Die Auswanderung von Deutschen nach Übersee wurde von ihm immer wieder thematisiert, sei es in Form kürzerer Erzählungen oder auch umfangreicher Romane. So entstand 1855 Gerstäckers wohl wichtigstes Werk über die deutsche Auswanderung nach Nordamerika, der sechsbändige Roman Nach Amerika. Dieses "Volksbuch" (Untertitel) beschreibt die Schicksale verschiedener Auswanderer von ihrem Entschluss Deutschland zu verlassen, bis zu ihrer Integration in Amerika.

1860 unternahm Gerstäcker eine weitere Reise, die ihn zum zweitenmal nach Südamerika führte. Diese Achtzehn Monate in Südamerika, wie auch der Titel des Reiseberichts lautete, führten den Schriftsteller zunächst in die Karibik. Anschließend überquerte er den Isthmus von Panama und reiste nach Ecuador weiter, wo er im Auftrag der englischen Ecuador-Land-Company die Ankunft der Kolonisten in dem Dorf San Lorenzo überwachen sollte. Auf Streifzügen lernte Gerstäcker das Innere des Landes kennen, bevor er nach Peru gelangte. Weitere Reiseziele lagen in Chile, Argentinien, Uruquay und Brasilien. Noch deutlicher als während der vorangegangenen Weltreise lag während der Südamerikareise ein Interessenschwerpunkt Gerstäckers bei den Besuchen in deutschen Ansiedlungen und bei der Interessenvertretung deutscher Ansiedler in den südamerikanischen Staaten. Gerstäcker vertrat z.B. während einer Audienz beim peruanischen Präsidenten die Wünsche einer Gruppe deutscher Ansiedler am Pozuzu oder er hielt Vorträge über Auswanderung und die Deutschen im Ausland in südamerikanischen Städten. Von Rio de Janeiro aus kehrte er im Herbst 1861 nach Europa zurück. Einen geplanten Besuch in Nordamerika ließ er fallen, da er aus Deutschland schlechte Nachrichten erhalten hatte. Seine Frau war erkrankt und verstarb noch vor der Ankunft in Deutschland.

Gerstäcker versuchte seinen Schmerz durch Arbeit zu betäuben und stellte in sehr kurzer Zeit den oben erwähnten Reisebericht in insgesamt drei Bänden zusammen. Abgesehen von den Schilderungen seiner Besuche bei den deutschen Siedlern in Südamerika beschreibt er in diesen Bänden wieder einmal sehr anschaulich die in Südamerika kennen gelernten geographischen, politischen und sozialen Verhältnisse, so dass aufgrund dieser Hinweise das Werk auch als Informationsquelle für Auswanderungslustige wertvoll war.

Nach nur kurzem Aufenthalt in Deutschland begleitete Gerstäcker im Frühjahr 1862 seinen Gönner, den Herzog Ernst II. von Coburg-Gotha, auf einer kürzeren Reise nach Afrika. Die Reisegruppe, zu der u.a. auch Alfred Brehm gehörte, besuchte Ägypten und die Länder am oberen Nil. Inwieweit Gerstäcker an dem über diese Reise publizierten Buch beteiligt war, lässt sich heute nur noch schwer rekonstruieren. Gerstäcker wird in dem 1864 veröffentlichten Reisewerk Reise des Herzogs Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha nach Ägypten und den Ländern der Habab, Mensa und Bogos, nicht als Autor genannt, obwohl er vermutlich an der Ausarbeitung des Buches einen entscheidenden Anteil gehabt hat. Über diese Afrikareise publizierte Gerstäcker selbst nur verhältnismäßig wenig.



Zwei Buchausgaben des Verlages Ensslin & Laiblin (20. Jahrhundert).


In den folgenden Jahren seiner zweiten Ehe - Gerstäcker heiratete am 24. Juli 1863 eine Holländerin - entstanden zahlreiche Erzählungen, teils mit exotischem, teils mit unheimlich-schaurigem Hintergrund, wie z.B. die Geschichte Germelshausen, die möglicherweise Vorlage für das Hollywoodmusical Brigadoon war. Zumeist wurden diese zunächst in auflagestarken Zeitschriften abgedruckt. So finden sich in fast jedem Jahrgang der Gartenlaube oder der Illustrirten Welt bis zum Tode Gerstäckers Texte des Autors. Daneben schrieb er etliche Romane mit südamerikanischen Handlungsorten, in denen Erfahrungen und Eindrücke seiner Südamerikareise ausgewertet wurden. Hierzu gehören Die Colonie (1864), Zwei Republiken. 1. Abth.: General Franco. Lebensbild aus Ecuador (1865); 2. Abth.: Sennor Aquila. Peruanisches Lebensbild (1865). Neben diesen erfolgreichen belletristischen Schriften erschienen auch einige dramatische Versuche Gerstäckers (z.B. Der Wilderer (1864)), die allerdings ziemlich erfolglos blieben. Aufgrund seiner Reisewerke, Romane und Erzählungen gehörte er aber zu den bekanntesten und beliebtesten Autoren der damaligen Zeit. Sein Biograph Thomas Ostwald, der Vorsitzende der Friedrich Gerstäcker-Gesellschaft, schreibt über Gerstäckers Popularität:

"In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts bemühten sich zahlreiche Vereinigungen und Gesellschaften um den Weitgereisten. Er wurde zu Vorträgen eingeladen, sprach über die Probleme der Auswanderer und setzte sich für die Unterstützung der Deutschen im Ausland ein. Der 'Deutsche Nationalverein' ernannte ihn zum Mitglied, ebenso der 'Verein für Naturkunde' in Kassel, für den er seit 1863 korrespondierendes Mitglied war."

Nach einigen schriftstellerisch produktiven Jahren regte sich bei Gerstäcker wieder einmal die Reiselust. Im Sommer 1867 verließ er Deutschland mit dem Dampfschiff "Bremen". Gerstäcker reiste nun im Gegensatz zu seinen frühen Reisen als Kajütpassagier an Bord eines modernen Dampfers nach New York. Sein Nordamerikaaufenthalt während dieser Reise ist gekennzeichnet durch Besuche an Orten, die er rund 30 Jahre zuvor als junger Auswanderer kennen gelernt hatte. Er registrierte die zahlreichen Veränderungen, und seine Erwartungen bzw. Erinnerungen wurden vielfach getäuscht. Seine alten Bekannten waren zum größten Teil verstorben, und die Landschaft hatte sich stark geändert. Er schrieb in Neue Reisen durch die Vereinigten Staaten, Mexico, Ecuador, Westindien und Venezuela:

"Aber, lieber Gott, ich kannte den Wald gar nicht mehr, so wild und verwachsen kam er mir jetzt vor, und wo ich sonst über mit saftigem Gras bewachsene offene Hügel gejagt, fand ich jetzt Kiefer- und Eichendickungen, deren junge Stämme wie angesät neben einander emporschossen."

Friedrich Gerstäcker verließ die Vereinigten Staaten und reiste nach Mexiko, in einen Staat, den er bisher noch nicht kannte. In Vera Cruz gelandet, durchquerte er das Land, besuchte die Hauptstadt Mexiko und schiffte sich in Acapulco nach Panama ein. Von dort aus fuhr er nochmals nach Ecuador, kehrte aber bald nach Panama zurück, überquerte den Isthmus und ging nach nach Venezuela, wo er sich für längere Zeit aufhielt. Den Abschluß der Reise bildete der Besuch auf einigen Karibikinseln, bevor er sich auf einem französischen Schiff nach St. Nazaire einschiffte.

Zurück in Europa, wertete Gerstäcker die Reise in der ihm üblichen Weise aus. Es entstanden ein neuer Reisebericht, zahlreiche Erzählungen und einige Romane. Besonders erwähnenswert sind ein zweibändiger Roman In Mexiko, in dem sich der Autor mit dem Schicksal des Kaisers Maximilian von Mexiko beschäftigte und der Roman In Amerika. Amerikanisches Charakterbild aus der neuern Zeit, der als Fortsetzung des 1855 erschienenen Volksbuchs Nach Amerika anzusehen ist.

Größere Reisen unternahm Gerstäcker nun nicht mehr. 1870/71 folgte er den deutschen Truppen auf ihrem Frankreichfeldzug und schrieb zahlreiche Kriegsberichte, die u.a. in der Gartenlaube, aber auch in einer selbständigen Buchpublikation unter dem Titel Kriegsbilder eines Nachzüglers aus dem deutsch-französischen Kriege (1871) veröffentlicht wurden.

Während der Vorbereitungen zu einer erneuten Reise, die ihn nach Ostasien führen sollte, starb Gerstäcker in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1872 in Braunschweig.


Zwei Buchausgaben aus dem frühen 20. Jahrhundert (Neufeld & Henius, Eisoldt und Rohkrämer).


Gerstäcker war seit dem nicht leichten Entschluss, - in den vierziger Jahren versuchte er sich neben der erwähnten Übersetzertätigkeit auch als Buchhändler zu etablieren - seinen Lebensunterhalt durch schriftstellerische Tätigkeit zu verdienen, knapp dreißig Jahre als freier Schriftsteller tätig. In einer Zeit, in der von heutigen Romanauflagen und Honoraren nur geträumt werden konnte, war dieser Beruf nicht immer leicht. Dennoch gelang es Gerstäcker, - obwohl seine zahlreichen Reisen nicht billig waren - einen gewissen Wohlstand zu erlangen, so dass er sich in seinen letzten Lebensjahren in Braunschweig in einem eigenen Haus niederlassen konnte. Aufgrund des Angewiesenseins auf Honorare für Skizzen, Erzählungen und Romane nutzte Gerstäcker alle sich ihm anbietenden Publikationsmedien. Er schrieb für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften und veröffentlichte seine Texte nach Vorabdrucken in periodischen Publikationen erneut in Buchform als Romane oder auch als Sammelbände mit Erzählungen. Versuchen seines Verlegers Hermann Costenoble, den Honorarsatz bei Zeitungsvorabdrucken zu drücken, trat Gerstäcker energisch entgegen: "...denn von allen meinen literarischen Freunden höre ich bestätigt, dass der Abdruck eines Romans in einer politischen also täglichen Zeitung, den Verkauf desselben eher fördert als beeinträchtigt, und derselbe von den Verlegern überall ebenso honoriert wird, wie ein neues Manuskript."(Brief an Costenoble vom 20.6.1867). Ebenso wehrte er sich - allerdings oftmals vergebens - gegen die Praxis ungerechtfertigter Nachdrucke seiner Schriften.

Gerstäcker war nicht nur der Autor exotischer Reise- und Abenteuerromane, sondern er verfasste während seiner gesamten schriftstellerischen Laufbahn auch Bücher, die man heute als Gesellschaftsromane [Der Kunstreiter (1861); Der Erbe (1867); Eine Mutter (1867)] und Vorläufer der modernen Kriminalliteratur [z.B. Der Polizeiagent (1865 im Daheim); Im Eckfenster (1872)] bezeichnen kann.

Mehrere Jugenderzählungen müssen im Zusammenhang mit Gerstäckers exotischen Abenteuerromanen gesehen werden. Ein zumeist jugendlicher Protagonist erlebt in diesen Texten Abenteuer vor einem exotischen Hintergrund. So führen Der kleine Goldgräber in Californien (1858) in die Zeit des kalifornischen Goldrausches, Fritz Wildaus Abenteuer zu Wasser und zu Lande (1854) in die pazifische Inselwelt oder Durch die Pampas (1864) in die Steppen Südamerikas. Auf die unheimlich-schaurigen Erzählungen habe ich schon hingewiesen. Hinzu kommen zahlreiche humoristische Erzählungen, Skizzen und Gedichte, die häufig in der bekannten satirischen Zeitschrift Fliegende Blätter abgedruckt wurden. Teilweise haben Gerstäckers Gedichte auch eindeutig politische Inhalte, wie z.B. das in den Fliegenden Blättern abgedruckte Barbarossa-Gedicht oder die Antwort auf Herweghs Gedicht bezüglich der Reichsgründung von 1870/71. Zwar sind diese letztgenannten Publikationen peripher im Werk eines Schriftstellers, den man heute fast nur noch mit seinen exotischen Abenteuerromanen identifiziert, sie zeigen aber doch in Verbindung mit zahlreichen entsprechenden Äußerungen in anderen Werken, dass Gerstäcker stets an den politischen Verhältnissen in Deutschland interessiert war.

 Zweifellos gehörte Friedrich Gerstäcker zu den wichtigsten Vertretern des ethnographischen Reise- und Abenteuerromans im 19. Jahrhundert. Dennoch ergeben sich bei der Einordnung seines umfangreichen schriftstellerischen Werkes diverse Schwierigkeiten. Eine frühe Charakterisierung seines Stiles ist in Petermanns Mittheilungen, der führenden geographischen Zeitschrift in Deutschland in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, zu finden. "Auf den Styl ist auch hier wenig Sorgfalt verwendet und wir müssen manche unnötige Wiederholung mit in Kauf nehmen, dafür entschädigen aber der Humor, die Frische, die Originalität, welche den Gerstäcker'schen Schriften in den weitesten Kreisen so viel Freunde geschaffen haben, seine nüchterne Anschauungsweise, die uns Dinge und Zustände in ungeschminkter Wirklichkeit kennen lehrt, seine große Erfahrung und Bekanntschaft mit den verschiedensten Zonen, die ihm lehrreiche vergleiche anzustellen gestattet, wie sein selbständiges Schaffen...". Der ungenannte Rezensent spricht hier einige Aspekte an, die sich in vielen Urteilen über den Autor wiederfinden. Die realitätsgetreue Schilderung von Land und Leuten wurde ständig hervorgehoben. Sie zeigt sich insbesondere in der wirklichkeitsnahen Darstellung kleiner Einzelheiten, den Berichten über die Lebensweise der amerikanischen Backwoodsmen oder der Schilderung der Auswanderung in zahlreichen Texten. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass Gerstäcker als Kind seiner Zeit auch zahlreichen vorgefassten Meinungen verhaftet bleibt.

So sind z.B. die Südamerikaner in der Regel faul und ihre Wohnungen zumeist unsauber. Hier entsprechen seine Beobachtungen und späteren schriftlichen Äußerungen nicht der Realität. Gerstäcker erscheint zumindest in diesem Zusammenhang unfähig, den andersgearteten Lebensrhythmus in tropischen und subtropischen Ländern angemessen zu erfassen und darzustellen. Vielleicht ist dies darauf zurückzuführen, dass Gerstäcker im Gegensatz zu seiner ersten Amerikareise (1837-1843) auf späteren Reisen mehr oder weniger als eine Art von "Tourist" reiste. Er konnte sich wohl nie so gut in die Mentalität und das Wesen der Menschen in den besuchten Gegenden einfühlen, wie dies z.B. Ernst F. Löhndorff mit einigen seiner Romane gelang.

So fehlt in den meisten Amerikaromanen auch eine mitreissende Darstellung der indianischen Ureinwohner. Die Indianer und ihre Kultur erscheinen durch die Weißen zerstört und häufig durch Alkoholismus gekennzeichnet. Dennoch weisen einige von Gerstäckers Indianerfiguren (oder auch Südseeinsulanern) Züge des "edlen Wilden" auf, die auf ihre literarischen Vorfahren bei Rousseau oder auch bei James Fenimore Cooper zurückgehen dürften. In diesem augenscheinlichen Widerspruch spiegelt sich eines der Hauptprobleme des schriftstellerischen Werkes unseres Autors. Gerstäcker erlebte die Realität während seiner Reise und verarbeitete diese in den fiktionalen und nichtfiktionalen Werken später zu Hause. Hier kamen allerdings Aspekte hinzu, die einer wirklichkeitsgetreuen Darstellung nicht förderlich waren. Der Autor verknüpfte beim Verfassen seiner Texte nun oftmals seine - teilweise aus der Literatur stammenden oder auch seine von Steinbrink als Tagträume bezeichneten - Vorstellungen mit der von ihm erlebten andersgearteten Realität der besuchten Gegenden. Diese Form einer verklärenden Distanzierung tritt in den fiktionalen Texten weitaus stärker hervor als in den nicht fiktionalen Skizzen, Reiseberichten oder Auswandererführern. Schon während seiner Reisen musste er zur Kenntnis nehmen, dass das "Land der langen Sehnsucht" (Brief an A.H. Schultz) nicht so aussah, wie er es sich vorgestellt hatte. Dennoch stellte er solche desillusionierenden Erkenntnisse selbst in nichtfiktionalen Texten nicht immer deutlich heraus.

Betont sei allerdings nochmals Gerstäckers Fähigkeit dokumentarisch echt von eigenen Erlebnissen zu erzählen und damit genaue Schilderungen der von ihm bereisten Gebiet zu bieten. Den "Urkundenwert homerischer Dichtungen" (Joseph Nadler) erreichen seine Schriften zwar nicht aber man kann ihnen auf jeden Fall einen hohen Realitätsgehalt zusprechen.

Ein anderes von Gerstäcker oft gepflegtes Bild kann im Zusammenhang mit seinem schriftstellerischen Stil, auf den er angeblich nur wenig Sorgfalt verwendet, verdeutlicht werden. Gerstäcker bezeichnete sich selbst als einen der "größten Herumtreiber" (Autobiographie in der Gartenlaube) und pflegte sein Image als hemdsärmeliger Abenteurer, der genauso schlicht, einfach und ungekünstelt, wie er sich im Leben gab, schrieb. Allerdings fällt bei näherer Betrachtung seiner Schriften auf, dass der Autor sehr bewusst von diversen literarischen Stilmitteln der Zeit Gebrauch macht. So benutzt er z.B. geschickt die Technik des Nebeneinanderstellens von Informationen, wenn er in In Amerika das Land aus einer Art Vogelperspektive als Ganzes betrachtet:

"Und während ich schreibe, ist es mir, als ob ich in einem Riesenballon emporstiege über das weite herrliche Land, und das Auge das ganze mächtige Reich überschauen könne mit einem Blick - und vom Norden zum Süden welch ein Unterschied! Da droben im Norden die herrlichen Seen, der blaue klare Himmel über der blitzenden Fluth - zahllose Dampfboote, die die spiegelglatte Fläche durchschneiden, milchweisse Wolken, die, eben so viele Eisenbahnzüge kündend, über das Land fliegen, geschäftiges Treiben überall; - Mäh- und Dreschmaschinen, wohin das Auge fällt, kleine Locomotiven, welche die abgehauenen Stämme neu urbar gemachten Landes mit der Wurzel aus der Erde heben - andere, die das Gras der Prairien mähen und auf riesige Haufen werfen, fette Heerden und wohnliche Gebäude - das weite Land von prachtvollen Strömen durchschnitten, mit ununterbrochenem Verkehr. Städte, die sich Meilen weit in der Ebene und an den Ufern der Seen und Ströme ausdehnen; kleine Ortschaften dicht über das Land gestreut." (In Amerika, Dritter Teil, S.86-87).

Gemälde Manifest Destiny des Amerikaners Gast

Eine solche panoramistische, optimistische Sicht Amerikas als eines Landes der Zukunft findet sich vielfach auch in zeitgenössischer amerikanischer Grafik und Kunst und wirkte fort bis in die am Ende der Filme Der Kaiser von Kalifornien (Regie: Luis Trenker, (D 1936)) oder Das war der wilde Westen (How the West was won (USA )) präsentierten Bilder Amerikas.

Steinbrink nennt des weiteren als typisch für Gerstäcker, die Verwendung ethnologischer, geographischer und historischer Details als Stilmittel oder auch den Rückgriff auf Detailbeschreibungen, Fußnoten und die belehrende Disgression um seinen Texten zusätzliche Glaubwürdigkeit zu verleihen. Dieser teilweise zwar genretypische aber dennoch für einen "unbeleckten Bär" (F.Wehl: Zeit und Menschen - Tagebuchaufzeichnungen, 1889) ungewöhnlich erscheinende Gebrauch literarischer Stilmittel kann auf Gerstäckers Belesenheit (abgesehen von den oben schon erwähnten Titeln z.B. Walter Scotts historische Romane oder die Klassiker-Ausgaben des Cotta-Verlages (Goethe, Schiller)) und auch seine Bekanntschaft mit wichtigen Literaten der Zeit zurückgeführt werden. In diesem Zusammenhang ist auch sein Engagement in literarischen Vereinigungen zu sehen.

Dennoch lassen sich verschiedene Schwächen Gerstäckers nicht leugnen. Der Aufbau seiner Werke ist teilweise umständlich, auch finden sich des Öfteren Wiederholungen. Sein Hauptproblem ist jedoch die nicht immer gut gelungene Charakterisierung der Hauptfiguren, die oft etwas blass und schablonenhaft wirken. Diese Schwächen zeigen sich am stärksten in seinen Romanen. Zahlreiche Skizzen und kürzere Erzählungen sind dagegen von solchen Problemen weitgehend frei.

Gerstäckers schriftstellerische Werke haben inzwischen Patina angesetzt. Sie entsprechen kaum noch dem heutigen Geschmack, obwohl viele seiner Texte - ich denke hier insbesondere auch an kürzere Erzählungen - durchaus eine Wiederentdeckung wert sind.


Im 19. Jahrhundert war Gerstäcker dagegen ein "Bestsellerautor". Seine Bücher erlebten zahlreiche Auflagen und erschienen auch in Gesamtausgaben mit bis zu 45 dickleibigen Bänden, die bis weit ins 20. Jahrhundert erhältlich waren. Allerdings wurden diese umfangreichen Ausgaben schon vor 1900 deutlich bearbeitet, gestrafft und gekürzt, so dass die meisten der im 20. Jahrhundert erschienenen "großen" Ausgaben, z.B. bei Neufel & Henius, Ensslin & Laiblin oder bei Goldmann deutlich von Gerstäckers Originaltexten abweichen können.

Aber nicht nur die Originaltexte sondern auch die späteren bearbeiteten Fassungen haben Wirkung auf Leser und andere Autoren gehabt. Karl May hat nachweislich Gerstäckers Schriften gründlich benutzt und auch der betrunkene Indianer, den Franz Treller zu Beginn seines Romanes Verwehte Spuren auftreten lässt, kann eine Verwandtschaft mit Gerstäckers Assowaun aus den Regulatoren in Arkansas nicht verleugnen.

Gerstäcker, "ein großer Erlebnisjäger" (Plischke, Südseewalfang, 13) steht zudem aber für die Ausweitung der Handlungsorte des Abenteuerroman über den nordamerikanischen Raum hinaus. Seine Werke spielen - abgesehen von Nordamerika - in Südamerika, in Australien oder in der pazifischen Inselwelt. Hier sollten auch spätere Autoren abenteuerlicher Bücher Handlungsorte finden. Erwähnt seien nur kursorisch Ferdinand Emmerich, der Gerstäcker noch persönlich kennengelernt hatte, Ernst F. Löhndorff, Kurt Gafran, Olaf Eljens oder auch die Jugendbuchautoren S. Wörishöffer und Maximilian Kern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen zumeist nur noch stark bearbeitete Fassungen der bekanntesten Romane Gerstäckers auf den Buchmarkt. Die Flusspiraten des Mississippi und Die Regulatoren in Arkansas wurden dann während des europäischen Westernbooms der 1960er Jahre auch verfilmt. Diese Verfilmungen entfernen sich allerdings teilweise sehr weit von den Buchvorlagen und können den Flair der Originale nicht erhalten. Für Jugendliche entstanden zudem einige schöne Hörspielversionen der beiden Romane, von denen die 1971 für den Bayrischen Rundfunk erstellte umfangreiche Produktion Die Pferdediebe von Arkansas kürzlich auf zwei CDs neu veröffentlicht wurde.

Seit 1979 kümmert sich die Friedrich Gerstäcker-Gesellschaft in Braunschweig um den Autor und sein Werk. Die Gesellschaft stellt in ihrem sehenswerten Museum den Autor vor und bietet mit ihrem empfehlenswerten Buchprogramm die Möglichkeit auch die Schriften Gerstäckers im Originaltext kennen zu lernen. Im Rahmen ihrer Tagungen und Forschungen hat sich in den vergangenen Jahren auch die Deutsche Gesellschaft zum Studium des Western (German Association for the Study of the Western) in Münster mehrfach mit Friedrich Gerstäcker beschäftigt, so dass hier abschließend festgehalten werden kann:

Gerstäcker ist heute zwar beileibe kein Bestsellerautor mehr, aber sein Werk wirkt auch im 21. Jahrhundert weiter und so hat die VHS Essen das Thema Gerstäcker bewusst in ihre Vortragsreihe aufgenommen und mir erlaubt, hier vor Ihnen, meine Damen und Herren, zu sprechen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Karl Jürgen Roth

Freitag, 11. Juli 2014

Leihbücher in Taschenbuchform

Einige der kommerzielle Leihbuchverlage veröffentlichten auch Taschenbücher. Hierbei kam es oftmals vor, dass Titel, die als 'normales' Leihbuch erschienen, parallel bzw. später auch als Taschenbuch veröffentlicht wurden. Der Buchblock wurde dabei zumeist übernommen und meistens fand die Einbandillustraton erneut Verwendung.
PoMeWe zeigt hier ein kleines Konvolut von Westernromanen (Taschenbuchvariante) aus dem Rekord Verlag in Viersen. Die Bücher müssten in der ersten Hälfte der 1970er Jahre erschienen sein.



Die Greyback - FehdeSteve C. Harding255 Seiten
Camp der VerlorenenSteve C. Harding255 Seiten
Rauchende Colts in Ox BowU.H. Wilken224 Seiten
HöllentrailU.H. Wilken255 Seiten
Tödliches ErbeHal Warner255 Seiten
Eis in seinem HaarLone Liberty255 Seiten

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Sonntag, 22. Juni 2014

Die transkontinentale Eisenbahn im Western

italienisches Comicheft aus den 1950er Jahren mit Eisenbahnthematik
Tagung

(Heute ein Beitrag ausserhalb des Üblichen: Ein Bericht über eine wissenschaftliche Tagung zum Thema Western.)

Soeben bin ich von der Tagung "Die transkontinentale Eisenbahn im Western / Cattle Trail trifft auf Eisenbahn in den Kansas Cowtowns" zurückgekommen. Die - inzwischen schon 25. - Jahrestagung der GASW (Deutsche Gesellschaft zum Studium des Western / The German Association for the Study of the Western) fand vom 19. bis 22. Juni in der Akademie Franz Hitze-Haus in Münster statt und bot - wie immer - zahlreiche hochinteressante Beiträge amerikanischer und deutscher Experten zum Thema.

Im Zentrum stand die Umsetzung der Thematik im Film sowie in literarischen (belletristischen) Texten. Hinzu traten ergänzende Beiträge, z.B. zur musikalischen Berücksichtigung der Eisenbahn in der populären Kultur der Vereinigten Staaten. Wir hatten Gelegenheit teils seltene Filmdokumente zu sehen und zu diskutieren (die chronologisch von John Fords Stummfilm "The Iron Horse" {1924} bis zur neuen TV-Serie "Hell on Wheels" reichten). Literarisch beschäftigten sich z.B. Stephen Crane, Zane Grey und Ernest Haycox oder aus dem deutschsprachigen Raum Thomas Jeier mit der Thematik. Thomas Jeier war selbst anwesend und konnte mit seinem Beitrag über die Kansas Cowtowns begeistern. Es hat wieder viel Spass gemacht, an dieser Veranstaltung teilzunehmen und mit Gleichgesinnten über den Western zu reden.
Comics wurden während dieser Tagung nur am Rande angesprochen, dennoch sei die Thematik und die GASW allen Westernfans wärmstens empfohlen.

Ich freue mich auf jeden Fall schon auf die fürs kommende Jahr geplante Veranstaltung mit dem vorläufigen Arbeitstitel "Die US-Cavalry im Western".

Weitere Infos: http://www.westernforschungszentrum.de/

Reader der GASW mit Materialien zu der Tagung